Eine Frau anzusprechen, kostet die meisten Männer bereits Überwindung. Gleich zwei Frauen, und dies noch auf der Straße, ist Oberliga. Denn wer riskiert gern, sich öffentlich zum Gespött zu machen? Pick-up-Artists versprechen, diese Angst zu nehmen

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Bedrängen statt Verführen

Einen Flirt hat wohl jeder schon einmal gehabt. Ein Gespräch hier, ein Augenzwinkern da – Ziel ist es, einer anderen Person näherzukommen. Doch ein Flirt kann auch ausgenutzt werden. Viele sogenannte Pick-up-Artists wenden manipulative, fragwürdige Methoden an, um Frauen für sich zu gewinnen, mit ihnen im Bett zu landen – und sich dann auf die Nächste zu stürzen.

Von Kirsten Stumpe

Der Begriff Pick-up-Artist, kurz PUA, setzt sich aus den englischen Begriffen „Pick up“ – wörtlich übersetzt „aufsammeln“, auf Deutsch etwa „anbaggern“ oder „aufreißen“ – und „Artist“, also Künstler, zusammen. Die meist männlichen PUA bezeichnen sich selbst also als Aufreißkünstler. Doch viele von ihnen bedienen sich manipulativer Methoden und psychologischer Tricks, um Frauen zu sexuellen Handlungen zu bewegen. Dabei sehen sie sich der Frau überlegen. Sie gilt als Objekt, welches wie eine Trophäe gewonnen werden soll. Je mehr Eroberungen, desto besser. Dafür nutzen sie eingeübte Taktiken und vorformulierte Sprüche. Und auch ein Mann hat in ihren Augen nur einen Wert, wenn er Erfolg beim weiblichen Geschlecht hat.

In Sozialen Medien haben die PUA eine große Fangemeinde. Sie halten Vorträge und lassen sich für Beratungsgespräche, Coachings, Bücher und Videos bezahlen. Ihre Kunden sind überwiegend junge Männer, denen es aus verschiedenen Gründen schwerfällt, Frauen kennenzulernen. Sie sind schüchtern und wenig selbstbewusst, halten sich für unattraktiv und trauen sich nicht, auf normalem Wege eine Frau kennenzulernen. Auch eine Trennung, die von der Freundin ausging, kann ein Auslöser sein. Die gefühlte Herabwürdigung durch die Frau führt zum Wunsch, Macht über das weibliche Geschlecht zu gewinnen und so das eigene Selbstbewusstsein wiederaufzubauen und weiteren Enttäuschungen vorzubeugen.

Selbstaufwertung durch Erniedrigung anderer

Es geht darum, ein „Alpha“ zu sein und sich vor anderen Männern zu profilieren. Zudem soll jeden Tag geflirtet werden, um möglichst viele Erfahrungen zu sammeln – egal, mit welcher Gefühlslage. Es zählt Quantität vor Qualität. Ziel ist es nicht, die Richtige zu finden, sondern mit möglichst vielen Frauen intim zu werden. Auch fühlen sich die Verführer in der Gemeinschaft wohler und treten oft in Gruppen auf. Persönliche Weiterbildung und Entwicklung ist wichtig – jedoch immer mit dem Ziel, möglichst viele Frauen aufzureißen. Es geht nicht darum, für sich selbst gut zu sein, sondern anderen zu gefallen.

Das Selbstbewusstsein der angesprochenen Frauen soll dagegen gebrochen werden. Sie werden „Hot Babes“ genannt und von eins bis zehn bewertet. Psychospielchen wie Push and Pull, bei der eine Frau erst mit einem Kompliment und darauffolgend mit Herabwürdigung konfrontiert wird, sollen diese verunsichern und so kontrollierbar machen. Ein Beispiel: „Schöne Haare. Sind die echt?“

Durch Berührungen und Worte wird schnell Nähe aufgebaut, die es den Frauen schwerer macht, sich ihrem vermeintlichen Verehrer zu lösen. Die Last-Minute-Resistance-Taktik wird angewandt, falls die Frau sich doch gegen Sex entscheiden sollte. Hier wird sie durch Ignorieren durcheinandergebracht und soll so ihren Widerstand aufgeben. Im Grunde handelt es sich um emotionale Erpressung und toxische Verhaltensmuster gegenüber der Frau.

Fragwürdige Methoden

Wie gehen Pick-up-Artist vor? Ihre auffälligen Outfits sollen ihren hohen Status zeigen und sorgen dafür, dass sie nicht zu übersehen sind. (Auch „Peacocking“ genannt, vom englischen Wort für „Pfau“.) Pick-up-Artists sollen stets gestylt sein, da das nächste weibliche Opfer jederzeit vor einem stehen könnte. Ihr Jagdrevier sind öffentliche Plätze, Clubs oder Dating-Platt-formen. Meist suchen sie in der Nähe ihrer Wohnung, denn am Ende ist der Weg dorthin das Ziel. Der finale Sex nennt sich „Eskalation“.

Viele von ihnen haben einen „Wingman“, der ihnen dabei hilft, die Frau anzusprechen. Oft sprechen sie schon zu Beginn das Thema Sex an und tasten ab, wie darauf reagiert wird. Auch ein „Opinion Opener“, also die Frage nach der Meinung, ist ein Einstieg, etwa: „Wer lügt mehr: Männer oder Frauen?“ Vor weiteren Treffen lässt ein PUA die Frau Zeit in ihn investieren, etwa durch Zuspätkommen oder lange Chats. Ablehnendes Verhalten wird nicht akzeptiert, sondern der Frau ein schlechtes Gewissen eingeredet. Hier muss sie selbstbewusst und sich darüber im Klaren sein, dass sie niemandem etwas schuldig ist und jederzeit Nein sagen darf.

Erfolgsmethode oder Scharlatanerie?

Es ist nichts dabei, eine Frau anzusprechen und bald darauf mit ihr Sex zu haben. Fragwürdig wird es dann, wenn Frauen manipuliert, ausgenutzt, erniedrigt und zum Sex genötigt werden. Die Denkweise, dass Frauen dem Mann untergeordnete Objekte sind, ist sexistisch. Zudem sind einige bekannte Vertreter der Bewegung in rechten Kreisen wiederzufinden oder äußerten Verschwörungsmythen, beispielsweise über Corona.

Nicht alle Pick-up-Artists nutzen manipulative, herabwürdigende Methoden. Aber auch viele von ihnen sammeln Frauen wie Trophäen, um ihr Selbstbewusstsein aufzuwerten. Zudem bleibt die Frage offen, wie erfolgreich ihre Methoden wirklich sind. Möglicherweise sind sie nur eine Masche, um sich auf Kosten naiver, unerfahrener Männer zu bereichern.