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Let’s talk about Sex

Männer mit und ohne Bock

In welchem Verhältnis stehen Sex und Liebe zueinander? Was ist männlich im Bett? Was weiblich? Gibt es sowas überhaupt? Solchen und weiteren Fragen spürte Katja Lewina in unzähligen Gesprächen mit Männern und Frauen nach. Ihre Erkenntnisse wurden zu Bestsellern.

Von Anne Brockmann

Neulich rief mich meine jüngere Schwester an. Trotz der zehn Jahre Altersunterschied, die zwischen uns liegen, und ganz unterschiedlicher Lebenswege können wir inzwischen über fast alles miteinander sprechen. Irgendwie ist es schlussendlich aber meistens ein Thema, das den größten Raum einnimmt: Männer. Seit ein paar Wochen gibt es einen neuen in ihrem Leben. Einen Kollegen von der Polizei. Groß, durchtrainiert, tätowiert, gepierct. Sehr männlich, findet sie. Der Status zwischen ihnen beiden sei noch unklar, aber dass sie beieinander übernachten, sei mittlerweile ganz selbstverständlich.

Von der Euphorie des Frisch-verliebt-Seins lag aber nichts in ihrer Stimme. Vielmehr schwappte Unsicherheit durchs Telefon. Vor ein paar Tagen habe er ihre Versuche, weiterzugehen als innig zu kuscheln, mit der Erklärung gestoppt, schlafen könne er nur mit einer Frau, zu der er bereits ein tieferes Vertrauen aufgebaut habe. „Und heute hat er nicht einmal zu mir herübergeschaut, als ich mich umgezogen und einen Moment splitterfasernackt in seiner Wohnung gestanden habe. Sowas kenne ich überhaupt nicht. Ich fühle mich total unattraktiv“, erzählt meine sonst so selbstbewusste Schwester niedergeschlagen.

Jede Menge Geschlechterklischees

Ein Mann, der nicht mit einer Frau schlafen möchte, weil noch nicht genügend Vertrauen zwischen den beiden wachsen konnte. Hand aufs Herz: Regt sich bei Ihnen da kein Misstrauen – und sei es noch so leise? „Vielleicht ist er verheiratet“, könnte ein Gedanke sein. „Vielleicht ist er ein schlechter Liebhaber“, lautet womöglich ein anderer. Dass es schlichtweg so ist, wie er sagt, ziehen die meisten vermutlich in Zweifel. Oder würden das Verhalten auf sich beziehen, wie meine Schwester, die sich plötzlich unattraktiv fühlt. Wo die Wahrheit liegt, muss sich noch zeigen. Was er schon jetzt offenbart, sind jede Menge Geschlechterklischees. Auch im Kopf meiner kleinen Schwester, die jung und alternativ im freigeistigen Berlin lebt. Und zugegebenermaßen auch bei mir, der großen Schwester, die jetzt irgendwas Einleuchtendes auf Tasche haben soll …

Katja Lewina würde darin das „Bild vom Mann“ wiedererkennen, „der immer will und immer kann“. Die 37-Jährige studierte einst Slawistik, Literatur- und Religionswissenschaften. Heute arbeitet sie als freie Autorin. 2020 veröffentlichte die gebürtige Moskauerin mit „Sie hat Bock“ ein Buch über weibliche Lust und landete damit einen Bestseller. 2021 kam dann „Bock. Männer und Sex“ hinterher. In Kapiteln wie „Fresse halten oder Beine breit – Wie es ist, als Frau über Sex zu schreiben“, „Wer ist hier der Boss? Unterwerfung darf auch männlich sein“, „Gut gefälscht ist nicht gekommen – Wann ‚Fake it till you make it‘ nicht zieht“, „Warum Porno geil, aber manchmal auch kaputt macht“, „Eine Jungfrau ist kein Mann“ oder „Die ganz normale Gewalt“ schildert und erklärt sie, was Männer und Frauen mit- und ohneeinander im Bett erleben und wie es ihnen dabei geht. Dafür hat sie landauf, landab mit unzähligen Menschen aller Couleur gesprochen und sie nach Vorlieben, Geheimnissen, Ängsten und Verletzungen gefragt. „Und in wirklich jedem Gespräch gab es einen Überraschungsmoment“, versichert Lewina.

Geschlechterrollen sind gesellschaftlich festgelegt

Im Interview mit ihr wird deutlich: Obwohl Sex eine sehr körperliche Angelegenheit ist, findet er genau genommen im Kopf statt. „Wir reden hier aber längst nicht von sexuellen Fantasien, sondern von Bildern von Männern und Frauen im Allgemeinen. Eigentlich von Jungen und Mädchen. Denn wie wir später einmal Sexualität leben, hängt stark von dem Selbstverständnis ab, das wir von Kindertagen an entwickeln“, sagt Lewina. Bedeutend dafür seien nicht nur die Haltungen wichtiger Bezugspersonen, sondern auch die Gepflogenheiten der Gesellschaft, in der wir aufwachsen. Ebenso Kulturgut in Form von Gemälden, Liedern, Geschichten und so weiter.

„In solchen bildlichen oder gedanklichen Darstellungen sind Mädchen und Frauen überwiegend diejenigen, die sich kümmern und aufopfern, die schutzbedürftig sind, sich rücksichtsvoll verhalten und so weiter. In Bezug auf Männer finden wir das entsprechende Gegenteil“, skizziert Lewina. Solche jahrhundertelang tradierten Rollenzuschreibungen prägen sowohl das Selbstverständnis als auch die Erwartung an den anderen. Männer, die selbst gehalten werden wollen, davon träumen, aufgerissen zu werden oder schwach sein möchten, wirken da wie Fremdkörper – weil sie in unseren Köpfen nicht verankert sind.

Besonders berührt haben Lewina die Männer, die sich getraut haben, von sexuellen Grenzüberschreitungen zu erzählen – in der einen wie in der anderen Richtung. „Da gab es den einen oder anderen, der in der Reflexion gesagt hat: ‚Ich glaube, da bin ich zu weit gegangen. Das war nicht in Ordnung. Dafür schäme ich mich.‘“, berichtet sie. Das fand sie stark. „Denn spätestens seit der MeToo-Bewegung ist ja deutlich, wie alltäglich sexuelle Übergriffe sind. Es gibt aber kaum jemanden, der dazu steht, es gewesen zu sein. Da kann man sich beinahe fragen, wer zum Teufel dieser eine einzige Typ ist, von dem das alles ausgehen muss“, sagt Lewina mit Ironie in der Stimme.

Missbrauch – Männer sind nicht nur Täter

Und dann gab es da noch die Männer, die Sex geschildert haben, den sie so nicht wollten, aber still ertragen haben. „Das ist fast noch ein größeres Tabu als bei Frauen“, weiß Lewina. Denn zum einen würden wir in der Annahme leben, dass Männer jeden erdenklichen Sex mögen, den sie nur kriegen können. Weil sie nun mal so sind. Und zum anderen leben wir in der Überzeugung, dass ein Mann sich wehren kann. Dass Angst und Panik auch Männer treffen und in Schockstarre versetzen können, lassen wir dabei außer Acht.

Die Überraschungen, die Lewina in ihren Gesprächen erlebt oder aus Studien erfahren hat, gibt sie zahlreich in ihren Büchern weiter. Die Leser können da auf viel Unerwartetes treffen. Zum Beispiel auf die Info, dass auch Männer gern angeflirtet werden. „Er macht den ersten Schritt, sie lehnt sich zurück? Männer freuen sich wie verrückt, wenn sie angesprochen werden“, weiß Lewina. Dass Frauen schneller die Lust auf ihre Langzeitpartner verlieren als das bei Männern der Fall ist, dürfte noch einen Tick mehr überraschen, ist aber durch Studien belegt. Ebenso, dass sie sexuell wesentlich leichter erregbar sind. Über Ängste oder Probleme beim Sex sprechen Männer untereinander kaum. Überhaupt geht es in Männerrunden zum Thema Sex selten ehrlich zu. Eigentlich ist das aber genau das, was viele sich wünschen …

Konsens herrscht bei Männern und Frauen weitestgehend darüber, dass Sex schöner ist, wenn man mit dem Sexualpartner vertraut ist und einander gut kennt. Damit läge der neue Mann im Leben meiner Schwester auf einer Linie mit vielen, die sich Lewina gegenüber geöffnet haben. Und wäre sein Satz aus dem Mund einer Frau gekommen, würde sich vermutlich kaum jemand darüber wundern. Genau deshalb habe ich meiner Schwester bei unserem Telefonat vom Interview mit Katja Lewina erzählt. Und jetzt, da der Text über sie und ihre Bücher geschrieben ist, werde ich „Bock. Männer und Sex“ in einen Briefumschlag stecken und zu ihr nach Berlin schicken.