„Neu in Stuttgart“, die Facebook-Gruppe für „Neigeschmeckte“ Neu-Stuttgarterinnen und -Stuttgarter, veranstaltete jeden Mittwochabend ihren wöchentlichen Treff, bei dem sich die Besucher auch offline kennenlernen konnten – immer in einer anderen Kneipe. Wegen Corona war damit erstmal Schluss – das öffentliche Kontaktverbot machte die Treffen gesetzlich unmöglich. Nun, nach der Öffnung der Restaurants und Cafés, ist aber eine Fortsetzung in Sicht.

Von Alexander Kappen

Am 18. März feierte der Neu in Stuttgart-Treff eine Premiere. Nach über elf Jahren und 700 Treffen fand zum ersten Mal kein Offline-Treffen in einer Stuttgarter Location statt. „Achtet auf Euch und eure Mitmenschen. Bleibt gesund“, gab „Neu in Stuttgart“-Gründer Dennis Sieg den Mitgliedern auf der Facebook-Seite der Gruppe mit auf den Weg. Seither fanden keine Treffen statt. Nun, nach der Wiedereröffnung der Gaststätten und Cafés, könnten die Neu in Stuttgart Treffen aber demnächst fortgesetzt werden. „Wenn das Corona-Kontaktverbot vorbei ist, geht es auch bei uns weiter“, teilt Dennis mit.

„Wir halten uns natürlich an die gesetzlichen Vorgaben. Ich habe dutzende Anfragen bekommen von Mitgliedern, die sich unbedingt wieder treffen wollen und mich fragen, wann es weitergeht, aber an mir liegt es nicht. Die Gesundheit aller geht natürlich vor, aber sobald es irgendwie möglich ist, sich wieder in größeren Gruppen zu treffen, dann geht es wie gewohnt weiter“, verspricht er. Das Highlight des Jahres auf dem Cannstatter Wasen, wo die Gruppe ein eigenes Zelt mietet, fällt sicher aus. Das Volksfest wurde bekanntermaßen unwiderruflich abgesagt.

Fest etabliert und feste feiernd

Dennis Sieg, 35-jähriger Bankkaufmann, war nach erfolgreicher Ausbildung selbst frisch nach Stuttgart gezogen – wegen des Jobs bei einer Stuttgarter Bank. „Ich kam 2008 aus Hannover und kannte niemanden in der Stadt. Das wollte ich ändern, denn es gab sicherlich viele Leidensgenossen, denen es ähnlich geht“, erinnert sich Dennis. Das ist ihm erfolgreich gelungen. Bei jedem Treffen – immer mittwochs 19.30 Uhr in einer anderen Stuttgarter Kneipe – gibt er den Gastgeber. Von den rund 100 Leuten bei jedem Treffen seien 80 bis 90 Prozent ganz neue Leute. Das Alter bewege sich meistens zwischen 20 und 30 Jahren. Zugezogene, „neigeschmeckte“ Stuttgarter, die aufgrund eines Job- oder Studium-Wechsels in die Schwabenmetropole gezogen seien.

Dennis stellt die Leute einander vor und ist den ganzen Abend (oft bis Mitternacht) für die Teilnehmer Ansprechpartner und „Mädchen für alles“. Er opfert seine Freizeit für die Gruppe, hat damit aber auch schon tolles erreicht. Im Internet auf der Facebook-Seite der Gruppe gibt es Dutzende von begeisterten Kommentaren von ehemaligen Teilnehmern, die bei einem Treffen neue Freunde gefunden haben. „Wenn ich Stuttgart damit etwas fröhlicher und sozialer gemacht habe, bin ich zufrieden“, erklärt der Bankkaufmann. Zwar sieht „Neu in Stuttgart“ sich als Kontaktmarkt für „Neigeschmeckte“, aber auch Einheimische sind willkommen. „Natürlich dürfen auch Stuttgarter kommen“, erklärt Dennis einladend.

Eigentlich stünde bald das Highlight des Neu-in-Stuttgart-Jahres an: Im September reservierte man immer einen Großteil eines Bierzeltes auf dem Cannstatter Volksfest, dem „Wasen“. „Die Karten dafür gehen immer weg wie warme Semmeln, die werden uns aus den Händen gerissen“, sagt Dennis. Mehrere hundert Teilnehmer hatten ihren Spaß bei Schlager, Göckele und Maß. „In so einer Feierlaune findet man noch viel schneller Anschluss“, erklärt Dennis und lacht – aber das Volksfest und somit natürlich auch das Treffen von „Neu in Stuttgart“ fallen wegen der Corona-Pandemie dieses Jahr bekanntlich aus. Mit den Treffen in Kneipen oder an öffentlichen Orten könnte es in absehbarer Zeit aber bald weitergehen.

Eher Familienersatz als Singletreff

Vorbilder der Gruppe gibt es bereits in zahlreichen anderen Städten. Überall erkennt man die „Neu in“-Gruppen an ihren gelben Schildern, die bei jedem Event aufgestellt werden. Man feiert gemeinsam mit Familienangehörigen und Freunden Weihnachten, probiert neu eröffnete Cafés aus und schunkelt gemeinsam im Wasen-Bierzelt.

„Man kann sagen, wir sind eine Art Familienersatz“, sagt Dennis. Bei den Treffen stößt man auf gute Laune und kommt mit den Leuten sehr schnell ins Gespräch. Oft bieten die besuchten Kneipen (Stammtreff ist das Café „Die Note“ bei der Liederhalle) Spezialangebote an wie eine „Happy Hour“, also verbilligte Getränke. Es herrscht eine offene Atmosphäre. Die Gruppe hat die jeweiligen Lokalitäten immer für sich allein. „So fühlen sich alle wohler. Betonen möchte ich zudem, dass wir kein Singletreff sind, sondern eine Gruppe, um neue Freundschaften zu schließen und Kontakte für die eigene Freizeit zu bekommen. Niemand ist in einer fremden Stadt gerne allein“, erklärt der Dennis.

Mittlerweile verzeichnet die Gruppe stolze 15.000 (!) Mitglieder auf ihrer Facebook-Seite.


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