Was ist Hoffnung?

Pater Anselm Grün versucht, den Menschen zu mehr Sinn zu verhelfen. Er ist Mönch der Benediktinerabtei Münsterschwarzach, Doktor der Theologie – und erfolgreichster deutschsprachiger Autor im spirituellen Bereich. Unser Interview mit ihm erschien in der Dezember-Ausgabe.

Von Daniel Knaus

Wie spüren Sie Gott?

Indem ich mich selber spüre – seine Spur in mir, die Sehnsucht nach ihm. Dann spüre ich Gott auch in der Natur, in der Stille und in der Schönheit. Wir können ihn nicht direkt schauen, nur eine Spur von ihm. Für die Mystiker ist Gott das Urschöne. Manchmal berührt mich auch ein Wort: In dem Moment erlebe ich Gott.

Wie vermitteln Sie das kirchenfernen Menschen und Atheisten?

Ich würde nicht sagen, dass sie an Gott glauben müssen, sondern nur: Nehmt einfach mal eine schöne Blume wahr! Oder eine schöne Musik, die ist auch eine Art von Transzendenz. Dann horcht nach innen. Stoßt Ihr da nur auf Euch selbst oder ist da nicht eine Art von Geheimnis, das größer ist als wir? Probiert auch mal, einen Satz aus der Bibel ernst zu nehmen. Wenn das stimmt: „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“, wie erlebe ich mich dann? Gott zu erfahren, heißt immer, sich selbst auf neue Weise zu erfahren.

Sie empfehlen frühchristliche Mönche, die „Wüstenväter“. Weshalb?

Die Wüstenväter haben sich und ihre Emotionen ehrlich angeschaut. Ein Satz von ihnen ist mir wichtig: „Wir sind nicht verantwortlich für die Gefühle und Gedanken, die in uns auftauchen, sondern wie wir damit umgehen.“ Die frühen Mönche waren die Psychologen ihrer Zeit und haben Wege entwickelt, Wut, Enttäuschung und Neid zu begegnen. Sie suchten Gott intensiv, wollten aus dem Getriebe raus und waren insofern Aussteiger. Sie haben sich in kleinen Zellen niedergelassen und sind sich selbst begegnet. Ein wichtiger Satz ist auch: „Willst Du Gott erkennen, lerne vorher Dich selber kennen.“

Was sehen Sie in der heutigen Welt?

Auf der einen Seite die Unsicherheit des Menschen. Man sucht Sinn in Oberflächlichem. Auf der anderen Seite sehe ich eine Sehnsucht nach Sinn, nach erfülltem Leben. Die Sehnsucht zeigt sich erstmal in Wünschen nach Liebe, Erfolg und Geborgenheit. Aber wenn ich alles habe, bin ich dann glücklich? Sehnsucht geht letztlich über das Irdische hinaus – nach mehr, nach der absoluten Geborgenheit und Liebe.

Was hilft den Menschen?

Versuche, Dich anzunehmen mit Deiner ganzen Geschichte. Aber versuche dann auch, Dein Leben zu gestalten: Du bist nicht einfach Opfer der äußeren Umstände. Auch wenn das Leben noch so brüchig ist, können wir trotzdem noch dem Bruch eine Gestalt geben. Wenn jemand scheitert, dann zerbricht ein Lebenstraum, aber ergibt sich auch die Aufgabe, aus den Trümmern etwas Neues aufzubauen. Deshalb ist mir wichtig, Hoffnung zu vermitteln.

Was ist Hoffnung?

Dass ein Leben gelingt und die Welt nicht einfach bleibt, wie sie ist. Der atheistische Philosoph Ernst Bloch sagt, Hoffnung ist die Kraft, welche diese Welt voranbringt – und wertvoll ist nur das, was von Hoffnung durchdrungen ist und Hoffnung bringt. Er definiert Heimat als „was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war“. Das kann ich politisch ausdrücken oder soziologisch, aber ich kann das auch religiös interpretieren. Was wir in der Kindheit als Heimat erfahren haben, das war nicht alles, sondern nur eine Ahnung; und letztlich ist Gott die Heimat, nach der wir uns alle sehnen.

Welche Rolle spielt der Verstand in der Mystik?

Mystik ist erstmal, dass ich etwas Tiefes erfahre. Und Verstand heißt, ich will auch verstehen, was ich erfahre. Mein Namenspatron, der heilige Anselm, sagt: „Fides quaerens intellectum – Glaube, der nach Einsicht sucht.“ Wir wollen einsehen, was wir erfahren, sonst wird uns etwas Irrationales versprochen, das uns auf Dauer nicht guttut und uns innerlich zerreißt.

Was ist mit Spiritualität und dem Dienst am Nächsten?

Die großen Mystiker haben alle sozial gewirkt oder sogar politisch. Gertrud die Große hat die Zustände der Welt und auch der Kirche kritisiert, der heilige Benedikt spricht von „ora et labora – bete und arbeite“. Wenn das Beten und die Mystik nicht in ein Tun kommen, dann besteht die Gefahr, dass wir nur narzisstisch um uns selbst kreisen, um unsere schönen Gefühle. Die Erfahrung verlangt immer auch ein Tun.

Was sagen Sie einem wohnungslosen Menschen, der nicht nach Spiritualität fragt?

Ich würde ihm nicht sofort mit religiösen Gedanken kommen, sondern ihm zuerst Mut machen, nicht aufzugeben und seinen Wert als einmalige Person zu sehen – damit er sich nicht nur als Opfer betrachtet, sondern sich auch fragt: Wie kann ich reagieren auf die Situation, in die ich geraten bin? Wenn er sich dann noch selber ablehnt, kann ich ihm vermitteln, dass da einer ist, der ihn bedingungslos annimmt. Gott hält mich; aus seiner Hand falle ich nicht.

Sie waren auch in der Jugendarbeit tätig.

Wenn ich an den guten Kern eines jungen Menschen glaube, kann ich ihn auch wecken. Jugendliche muss ich verstehen, nicht bewerten, aber auch für etwas begeistern, für das sie sich einsetzen können und durch das sie spüren: Es lohnt sich zu leben, ich darf die Hoffnung nicht aufgeben und kann auch eine Spur in diese Welt eingraben. Die Frage ist immer: Was für eine Spur möchte ich ein-graben, eine von Bitterkeit – oder eine von Verständnis, von Weite und von Liebe?

Wie sollte die Gemeinschaft mit Notleidenden umgehen?

Sie darf nicht die Augen vor ihnen verschließen. Notleidende sind auch ein Spiegel der Gesellschaft; für das, was in der Gesellschaft schiefläuft. Schuld sollte man nicht Einzelnen zuschieben – ein Mensch ist immer auch eine Herausforderung für die Gemeinschaft. Der Papst hat die Kirche dazu gemahnt, an den Rand zu gehen. Jesus ist zu den Armen gegangen.