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Allerweltskrankheit und trotzdem ein Tabu

Stigma psychische Erkrankung

Psychische Erkrankungen sind keine Seltenheit, nehmen immer weiter zu und dennoch wird wenig oder nur ungern darüber gesprochen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) sind in Deutschland jährlich etwa 27,8 Prozent der Erwachsenen von einer psychischen Erkrankung betroffen. Das entspricht 17,8 Millionen Menschen.

Von Daria Kratkai

Vergleicht man die genannten Zahlen mit den häufigsten somatischen Erkrankungen in Deutschland, wie Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen, wird deutlich, dass psychische Erkrankungen zu den häufigsten Leiden in Deutschland zählen. Trotzdem sprechen viele Menschen lieber über ihr körperliches statt ihr seelisches Wohlbefinden. Jeder Dritte erkrankt im Laufe seines Lebens einmal an der Psyche – was häufig nicht weniger belastend ist als eine körperliche Erkrankung. Seele und Körper beeinflussen sich gegenseitig und beide Anteile sind gleich relevant für ein ganzheitliches Wohlbefinden.

Dennoch sind Betroffene nach wie vor Vorurteilen ausgesetzt. Für viele von ihnen ist die Stigmatisierung genauso schlimm wie ihre Erkrankung. Sie haben somit nicht nur mit der eigentlichen Krankheit zu kämpfen, sondern auch mit den sozialen Folgen, die wiederum die Erkrankung negativ beeinflussen können. Sie geraten dann oft in eine Abwärtsspirale, die ihnen den Umgang mit der Erkrankung und die Therapie erschwert. Denn die Angst vor einer Stigmatisierung erhöht die Hemmschwelle, sich professionelle Unterstützung zu suchen. Obwohl in der Gesellschaft ein Umdenken eingesetzt und sich das Bild mittlerweile etwas geändert hat, passen Erkrankte nicht zu den üblichen Vorstellungen von unserer Leistungsgesellschaft. Es fehlt immer noch das Verständnis dafür, dass es sich bei psychischen Erkrankungen um mehr als eine „üble Laune“ oder Macke handelt.

Unverständnis selbst bei Nahestehenden

Kaia ist 26 Jahre alt und leidet an Depressionen, selbstverletzendem Verhalten und einer Essstörung. Einige Menschen gehen mit ihrer Symptomatik unsensibel um. Sie fühlt sich missverstanden, nicht ernst genommen und herabgesetzt. So habe ihr Chef ihre Erkrankungen erst bemerkt, als wegen der Antidepressiva heftige Nebenwirkungen auftraten. Erst dann sei ihr psychischer Zustand zur Sprache gekommen. Ihr Chef habe hauptsächlich ans Geschäft gedacht, obwohl er sich Mühe gab, sie zu verstehen. Sie fühlte sich dennoch wenig verstanden und hatte das Gefühl, er glaubte ihr nicht. „Ich sah aus wie immer, und plötzlich war ich nicht mehr in der Lage, wenigstens Bücher in Geschenkpapier zu wickeln. Das hat er nicht begreifen können.“ Als Kaia einem damaligen Freund ihre Selbstverletzung anvertraute, antwortete er, dass sie doch einfach damit aufhören solle. Er habe nicht verstanden, was dahintersteckt, und habe sich auch keine große Mühe gegeben, das zu erfahren. Sie verlor immer mehr an Gewicht. Als das auffiel, musste sie sich Sätze anhören wie: „Iss doch einfach was!“ Ihr Freund sagte ihr sogar, er würde sie weniger hübsch finden, da sie jetzt so dünn sei.

„Mir wurde auch vorgeworfen, dass ich gar keinen richtigen Grund hätte, krank zu sein. Weil es kein megadramatisches Ereignis in meinem Leben gab, hatte ich für andere sozusagen kein Recht auf eine Depression.“ Auch Sätze wie „Nimm dir einfach mal eine kleine Auszeit“ oder „Sicher, dass es eine richtige Depression ist?“ musste sich Kaia öfter anhören. Solche Reaktionen gaben ihr das Gefühl, dass sie falsch war, so wie sie war, obwohl sie in diesen Momenten nicht anders konnte.

„Solche Sprüche helfen einem kein bisschen dabei, wieder gesund zu werden. Im Gegenteil, dadurch fühlt man sich erst recht alleine gelassen.“ Kaia fühlte sich dadurch noch schlechter und ihr fiel es zunehmend schwer, sich zu öffnen, was es wiederum für andere schwieriger machte, sie zu unterstützen. „Stigmatisierungen sorgen dafür, dass solche Themen weiterhin ein Tabu bleiben und auch kein Verständnis entwickelt werden kann“, so Kaia.

Überfordert von „unsichtbaren“ Krankheiten

Sie vermutet, dass viele Menschen überfordert sind, da sie nicht wissen, womit sie es zu tun haben. Psychische Erkrankungen seien komplex und hätten viele Gesichter. Insbesondere für Außenstehende sei das ein unbekanntes Gebiet. Den Menschen würde es an Wissen fehlen und sie könnten selbst nicht richtig nachempfinden, da es im Gegensatz zu einem gebrochenen Bein nichts Offensichtliches gibt und die Krankheit somit schwerer zu begreifen sei. Zudem werde Schwäche in unserer Leistungsgesellschaft nicht gerne gesehen. Wer psychisch labil sei, sei als Arbeitskraft zu riskant und nicht zu gebrauchen. „Es ist also ein Teufelskreis“, erklärt sie. „Die meinen es wahrscheinlich gar nicht böse und wissen es wirklich nicht besser. Manche haben vermutlich auch Angst davor, sich näher damit auseinanderzusetzen, denn dann könnten sie auch bei sich oder nahestehenden Personen psychische Probleme vermuten, die sich momentan noch gut leugnen lassen.“

Kaia wünscht sich mehr Werbung und offen kommunizierte Angebote für Psychotherapien und ähnliches. Es würde ständig für Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen geworben werden, also wieso nicht auch dafür? Auch realistische Darstellungen in Filmen und Büchern, allgemein mehr Präsenz im Alltag und Aufklärung in Schulen würden ihrer Meinung nach einen angemesseneren Umgang in der Gesellschaft bewirken. Instagram solle endlich aufhören, wahllos alles zu blockieren, was mit Selbstverletzung, Depressionen und so weiter zu tun hat. Versicherungen, Arbeitgeber und andere Beteiligte sollten ebenfalls differenzierter herangehen und nicht kategorisch jeden mit entsprechender Vorgeschichte ausschließen. „Und wenn Betroffene trotzdem mutig sind und offen damit umgehen, wäre das natürlich auch schön und hilfreich.“

Schizophren heißt nicht verrückt

Schizophrenie zählt zu den am meisten stigmatisierten psychischen Erkrankungen. Im Vergleich zu Depressionen gibt es weniger, die an Schizophrenie erkranken. Dementsprechend mangelt es in der Gesellschaft noch mehr an Informationen über das Krankheitsbild. Laut einer Studie lehnt fast ein Drittel der Befragten einen an Schizophrenie erkrankten Nachbarn ab. Je näher die Befragten den Erkrankten auf sozialer Ebene kommen sollten, desto höher fiel die Ablehnungsquote aus (80 Prozent). Denn Betroffene werden oft als gewalttätig und unberechenbar eingestuft. Dabei ist das Risiko, dass sie selbst angegriffen werden, höher, als von ihnen angegriffen zu werden. Klischees, die in vielen Filmen mit der Hoffnung auf höhere Einschaltquoten überspitzt dargestellt werden, könnten zu diesem Vorurteil beitragen. Dabei kann allein das Gefühl der Ausgrenzung und Stigmatisierung bei den Betroffenen zu einem erhöhten Suizidrisiko führen.

Mareike erlebte Ähnliches. Sie ist 32 Jahre alt und erkrankte an Schizophrenie. Sie erzählt, Freunde und Familie haben sich teilweise aus Scham, Angst oder auch Überforderung von ihr abgewandt. „Beim Sport oder in der Schule wurde ich teilweise ausgegrenzt oder sogar gemobbt“, erinnert sie sich, Vor allem Menschen, die ihr nicht nahestanden, hatten Angst vor ihr, und wegen des mangelnden Wissens in der Gesellschaft war sie überall, wo sie hinkam, nur „die Verrückte“. Deswegen falle es ihr unheimlich schwer, Menschen zu vertrauen und sich anderen gegenüber zu öffnen. Sie habe sich deswegen auch eine Zeit lang zurückgezogen.

„Ich glaube, den Menschen fehlen die Erfahrung, das Verständnis, die Empathie und vielleicht sogar der Wille, es zu verstehen.“ Sie habe auch manchmal das Gefühl gehabt, einige dachten, sie sei selbst schuld an ihrer Erkrankung. Auch ihren Job habe Mareike häufig freiwillig gewechselt oder ihr wurde gekündigt, da sie der von ihr erwarteten Leistung oft nicht gerecht werden konnte, was sich wiederum auf ihren Lebenslauf und sogar auf die Wohnungssuche auswirkte. Dabei wisse sie, wie gut ihr die Arbeit tut und wie wichtig sie für den Verlauf ihrer Krankheit ist, denn sie ermöglicht ihr Struktur und Zugehörigkeit. „Meine Erkrankung macht mich in vielen Hinsichten einsam, sie wirkt sich auf viele Bereiche meines Lebens aus und ich spüre wenig Sicherheit und Stabilität“, erklärt sie.