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Das Geschäft mit der Einsamkeit

Unseriöse Single- und Dating-Seiten

Während der zurückliegenden Lockdowns verzeichneten Single- und Dating-Seiten im Internet regen Zulauf. Doch nur ein Bruchteil davon ist seriös – und die Erfolgsaussichten sind eher gering.

Von Nico Nissen

Selbst die bekannten Marktführer Parship und Elitepartner – beide betrieben von der PE Digital GmbH in Hamburg – sorgen immer wieder mit Knebelverträgen für Schlagzeilen. Zwar nennen sie sich in deutlicher Abgrenzung zur Konkurrenz und wegen des seriöseren Klangs „Partnervermittlungen“, doch Beschwerden unzufriedener Kundinnen und Kunden füllen die Verbraucher- und Bewertungsportale im Internet. Sie beklagen vor allem hohe Preise, das schlechte Preis-Leistungs-Verhältnis und wie schwer es ist, aus dem Vertrag auszusteigen. Es gehört offenbar zum Geschäftsmodell, dem Kunden nach der Kündigung Schadenersatz in Rechnung zu stellen. Ende November teilte die Verbraucherzentrale mit, Musterfeststellungsklage gegen Parship zu erheben.

Bei den Mitbewerbern sieht es nicht besser aus. Im Herbst 2017 veröffentlichte die Verbraucherzentrale Bayern den „Marktüberblick Online Dating-Portale“, der auch im Internet abrufbar ist. Die Autoren stellen „eine Informationsasymmetrie zu Ungunsten der Verbraucher“ fest. Diese könnten nicht beurteilen, wie viele Nutzerinnen und Nutzer wirklich auf dem Portal registriert und aktiv sind und müssen sich auf die Angaben des Anbieters verlassen. Verdächtig ist, dass viele Anbieter sich in ihren Nutzungs- oder Geschäftsbedingungen das Recht zusichern, Konten erfundener Nutzer anzulegen und sogar Chats von bezahlten sogenannten IKM-Schreibern (IKM steht für „Internetkontaktmarkt“.) führen zu lassen, die Kontakte zu möglichen Lebens- oder Sexpartnern vorgaukeln. Dies wird als Unterhaltungsservice dargestellt, doch ist davon auszugehen, dass den Nutzerinnen und Nutzern nicht bewusst ist, wenn sie mit einem Fake flirten. So werden sie in falscher Hoffnung dazu verleitet, immer weitere Chats zu führen, für die sie jedes Mal bezahlen müssen.

Zweifelhafter Umgang mit intimen Informationen

Die Presse hat wiederholt über diese Geschäftspraktiken berichtet: Das Reportagemagazin STRG_F begleitete Nadia Kailouli bei ihrer Undercover-Tätigkeit als IKM-Schreiberin. Der Beitrag ist auf YouTube zu sehen. Die Tätigkeit und die Recherchen belasten Kailouli von Anfang an stark. Sie steigt aus, als eine Nutzerin ankündigt, sich zu töten, nachdem sie feststellte, dass sie ausgenutzt und der Angebetete ihr nur vorgegaukelt wurde. Leonard Scharfenberg schrieb für die taz eine Reportage über eine IKM-Schreiberin und ein Opfer dieser Geschäftspraktik, die sich nach Einschätzung der Verbraucherzentrale in einem juristischen Graubereich bewegt. Scharfenberg stellte fest, dass der Einsatz von IKM-Schreibern eine doppelte Ausbeutung darstellt, denn sie werden äußerst schlecht bezahlt, mit teils nur zehn Cent je verfasster Nachricht, während die arglosen Nutzerinnen und Nutzer im Schnitt drei Euro je Nachricht zahlen müssen. Die Differenz stecken sich die Agentur, die die IKM-Schreiber vermittelt, und der Betreiber der vorgeblichen Dating-Seite in die Tasche.

Die IKM-Schreiber lösen sich sogar gegenseitig ab, um die Nutzerinnen und Nutzer in Gespräche zu verwickeln und zum Schreiben immer neuer, kostspieliger Nachrichten zu bewegen – sie sind gleichsam die Animierdamen des Internets. Dabei haben sie Zugriff auf viele der Daten, die sie oder er bei der Anmeldung hinterlegt hat, und zudem auf den gesamten Gesprächsverlauf einschließlich möglicher intimer Details. Zusätzlich legen die IKM-Schreiber Notizen für sich und ihre Kolleginnen und Kollegen an, in denen sie das Wichtigste über die Gesprächspartnerin oder den Gesprächspartner festhalten: Vorlieben, Sehnsüchte, Eigenarten, Erkrankungen, finanzielle Lage, Familienverhältnisse und vieles mehr. Datenschutzrechtlich ist dies äußerst heikel.

Einsatz von Fakes ist übliche Geschäftsmethode

Es ist in der Online-Kontakt-Branche üblich, Fakeprofile zu erstellen. Die Verbraucherzentrale zählte 187 Portale, die dies mehr oder weniger offen taten. 171 davon vermittelten den Nutzerinnen und Nutzern jedoch den Eindruck, mit realen Personen in Kontakt treten zu können. Die ist zwar grundsätzlich nicht auszuschließen, doch nicht im Interesse der Betreiber, da Nutzerinnen und Nutzer, die wirklich zueinander in Kontakt treten wollen, dies auch bald tun und dann nicht mehr die bezahlten Dienste in Anspruch nehmen. Welche Ausmaße die Täuschung hat, lässt sich aber nicht sicher feststellen, da die Betreiber ihre wirklichen Nutzerzahlen nicht veröffentlichen.

Vor sechs Jahren zeigte der Hackerangriff auf eine der bis dahin größten Sex-Kontaktseiten, ashleymadison.com, und die anschließende Auswertung der gehackten Daten durch den Blog Gizmodo aber, dass nur zirka 5,5 Millionen der rund 36 Millionen angelegten Profile von Frauen stammten, wovon 770.000 allerdings ausschließlich andere Frauen suchten. Zudem entdeckte Annalee Newitz, die Redakteurin von Gizmodo, mehr als 70.000 Bots, die männlichen Nutzern vorgaukelten, von Frauen angesprochen zu werden – vermutlich, um die weitaus kleinere Anzahl der Nutzerinnen und deren geringe Aktivität auszugleichen. Der Betreiber hat Karteileichen nicht gelöscht, sodass die Nutzer sicher meinten, es stünden mehr mögliche Partnerinnen zur Auswahl, als dies wirklich der Fall war.

Mögliche Abhilfe: Das Kleingedruckte lesen

Sowohl Nadia Kailouli als auch die Verbraucherzentrale empfehlen, vor Vertragsabschluss immer einen Blick ins Kleingedruckte der Nutzungsvereinbarung oder Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu werfen. Auf ihrer Homepage nennt die Verbraucherzentrale Standardformulierungen, mit denen die Betreiber auf den Einsatz von IKM-Schreibern hinweisen.

Noch sicherer, aber wohl nicht jedermanns Sache, ist, solche Seiten gar nicht erst zu nutzen, den Blick vom Smartphone zu heben und sich in freier Wildbahn nach einer Partnerin oder einem Partner umzusehen. Eine jahrtausendelang bewährte Methode, die auch in der Gegenwart noch funktionieren dürfte.