Unter der Paulinenbrücke (Foto: Daniel Knaus)

Die Einheit ein Traum?

1990 vereinigten sich zwei Staaten. Heute wird die Deutsche Einheit weitergedacht. Sie soll auch künftig verschiedene Menschen zusammenbringen – mit gemeinsamen Werten und Zielen, die wie Brücken jede Spaltung überwinden. Doch Brücken sind nicht nur schöne Sprachbilder, sondern auch reale Orte. Menschen suchen unter ihnen Schutz. Wie erleben Notleidende den Tag der Deutschen Einheit? 

Von Daniel Knaus

Das Gegenteil von Einheit ist Zersplittern. Auf der Straße geraten Menschen auseinander, verlieren Anschluss oder sogar sich selbst. Die meisten vermissen jemanden: andere Bedürftige, mit denen sie Erfahrungen teilten und welche die Straße dann verschluckte – aber auch die Lieben aus einem früheren Leben. Eine ältere Frau sehnt sich nach ihrem Mann. Mit Bekannten sitzt sie in einer Nische zwischen zwei Shops und schält eine Orange. „Ich suche ihn, nur weiß ich nicht genau, wo er ist.“ Ihre Geschichte dreht sich um den Verlust von Geld, Wohnung und Familie. Eine Hälfte der Frucht gibt sie ihrer Nachbarin. „Für Vitamin C.“ Die ebenfalls ältere Frau hat Asthma und wünscht sich in eine warme Wohnung. Sie sorgt sich, dass ihr einmal niemand mehr hilft. „Die Leute können ja auch wegschauen.“

Wenn die Mauern im Kopf höher werden

Wenig entfernt an einem Brunnen sitzt ein blasser Mann und isst ein Stück Brot, sein Abendessen. Wende und friedliche Revolution hat er im Fernsehen verfolgt. „Ich war damals noch klein. Aber das bin ich heute eigentlich wieder.“ Er lacht heiser und deutet auf seinen wenigen Besitz. Die Tüten halte er möglichst sauber. Sein Blickwinkel auf das vereinigte Deutschland: „Von der Straße aus gesehen sind Ost und West ähnlich. Du wünschst Dir ein Dach über dem Kopf, um sicher schlafen zu können, aber dann liegst Du doch in der Nässe.“ Er lacht wieder, diesmal frustriert. Er sei allein und im Dunkeln fürchte er sich nicht grundlos. „Irgendwann tritt mich jemand tot.“ Nun lächelt er nicht mehr. Er weiß: Die Gewalt gegen Obdachlose nimmt zu.

Einheit ist ein politisches Projekt und ein menschliches Bedürfnis

„Eines zu sein mit Allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen“, schreibt Hölderlin, ein Gewährsmann deutscher Denktraditionen. Wir Menschen suchen Gemeinschaft, wollen an ihr teilhaben – und bestenfalls in einem glücklichen Ganzen aufgehoben sein, ganz so wie der Dichter. Auf der Straße ist Einheit aber eine praktische Frage, sogar eine des Überlebens: seinen Platz unter Menschen zu bewahren, seine Erinnerungen und Hoffnungen, nicht zuletzt die gesundheitliche Einheit von Körper und Geist. Auch Hölderlin war zeitweise wohnungslos. Seine zweite Lebenshälfte verbrachte er in psychiatrischer Pflege. Einheit ist also ein Ideal und stets gefährdet zugleich.

Demokratische Werte auf der Straße

Ein Mann geht mit langsamen Schritten und stützt sich auf einen Briefkasten. Früher war er Soldat und arbeitete auf dem Bau, erzählt er. Die harte Arbeit kräftigte ihn, nun ist er aber krank und trägt ein Bein dick verbunden. Er fürchtet, es zu verlieren. Weil ihn die Straße Vorsicht lehrte, ist er erst schroff – doch schon ein wenig Freundlichkeit rührt ihn. „Die Menschen sollten besser miteinander umgehen, mehr Respekt und Toleranz haben.“ Diese oft gesagten Worte klingen von ihm sehr stark; schließlich sind sie hier nicht selbstverständlich und trotzen einem harten Leben. Seine Stimme versinkt im Lärm der Partygänger. Doch eine junge Frau, selbst schlecht zu Fuß, nimmt die Worte auf: „Jeder hat eine Daseinsberechtigung. Jeder hat das Recht zu reden. Jeder zählt.“

Sollte sich Deutschland auch mit seinen Ärmsten vereinigen?

„Demokratie ist nicht einfach da. Sondern wir müssen immer wieder für sie miteinander arbeiten, jeden Tag“, sagt die scheidende Bundeskanzlerin in ihrer diesjährigen Rede. Derweilen auf der Straße drückt eine Frau sich in eine kaum sichere Ecke, als wollte sie mit der Mauer verschmelzen. Sie trägt all ihre Kleidung am Leib. „Es ist kalt.“ An der Bundeskanzlerin mochte sie ihre Ruhe, doch von der Einheit erlebe sie wenig. „Manche Leute sprechen mit mir. Doch die meisten laufen einfach an mir vorbei wie sonst auch.“