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Sollten wir alle meditieren?

Besser leben mit Meditation und Achtsamkeit: Ein Trend, der sich seit Jahren hält. Das spiegelt sich in einer Vielzahl von Kursangeboten, Apps und selbsternannten Life Coaches wider. Auch ich habe einen Kurs ausprobiert, der jedoch alles andere als entspannend war. Woran das möglicherweise lag, für wen Meditation geeignet ist und für wen eher nicht, erklärt der Meditationsforscher Dr. Ulrich Ott.

Von Nina Förster

Um herauszufinden, was sich hinter dem Hype um Meditation verbirgt, meldete ich mich im Sommer 2019 zu einem Meditationskurs in Stuttgart an. In der ersten Sitzung gab es eine kleine Einführung, in der es eher um die Ursprünge der Meditation im Buddhismus als um die gesundheitlichen Auswirkungen und die korrekte Vorgehensweise ging. Zu Beginn wurden wir angewiesen, zu einem Meditationskissen zu greifen und uns möglichst gerade darauf zu platzieren. Wer den Lotussitz nicht beherrschte, was auf zirka 95 Prozent der Anwesenden zutraf, einschließlich mir, sollte im Schneidersitz meditieren. Der Meditationslehrer zündete ein Räucherstäbchen an, schlug auf einen Gong und läutete damit die erste Runde ein.

Wir sollten regungslos sitzen, die Konzentration auf den Atem fokussieren und aufkommende Gedanken vorbeiziehen lassen. Lautes Atmen und Sprechen war verboten. Schon nach einer Minute war es vorbei mit meiner Konzentration. Ich begann zu grübeln, ärgerte mich darüber, dass ich mit meinen Gedanken abschweifte, und mein Bein war so taub, dass es schmerzte. Schließlich ertönte nach einer gefühlten Ewigkeit der Gong. Nun hatten wir kurz die Gelegenheit, uns mit dem Meditationslehrer auszutauschen. Danach startete die nächste, für mich noch qualvollere Runde.

Nach dem ersten Kurstermin war ich alles andere als entspannt. Trotzdem beschloss ich, noch ein zweites Mal hinzugehen. Sicher lag der Fehler bei mir. Nachdem die Meditationen während des zweiten Termins noch länger wurden, sich bei mir keine Verbesserung abzeichnete und mein Bein abzufallen drohte, brach ich den Kurs ab. Mir offenbarte sich darin kein Nutzen, vor allem kein gesundheitlicher.

Wissenschaftlich fundierte Vorteile

Dass Meditation durchaus einen gesundheitlichen Nutzen hat, weiß der Psychologe Dr. Ulrich Ott, der am Bender Institute of Neuroimaging der Justus-Liebig-Universität Gießen forscht. Dort untersucht er veränderte Bewusstseinszustände, insbesondere die, die durch Meditation ausgelöst werden. Das geschieht mithilfe eines MRT (Magnetresonanztomograph), mit welchem die Forscherinnen und Forscher Gehirnaktivitäten messen können.

„Der erste wichtige Wirkungsfaktor ist die Reduktion von Stress, also die Entspannung“, erklärt Ott. Aufgrund dessen zähle die Meditation auch zu den Entspannungsverfahren. Das lässt sich dem Wissenschaftler zufolge an einem ruhigeren Atem, einer Verringerung der Atemfrequenz und der Herzrate, einer Senkung des Blutdrucks und des Muskeltonus sowie einer verringerten Schweißdrüsenaktivität erkennen. All das seien typische Anzeichen für Entspannung, die bei der Meditation beobachtet werden können.

Darüber hinaus könne regelmäßige Meditation die Aufmerksamkeit schulen. „Oft merken die Leute erst, wenn sie das versuchen, dass sie ziemlich unkonzentriert sind“, sagt Ott. „Versucht man, den Atem für längere Zeit zu verfolgen, kann man feststellen, dass man immer wieder in Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges abschweift und die Gegenwart verlässt“, erklärt der Psychologe. „Deswegen ist Meditation wie ein ständiges Bemühen, immer wieder den Fokus zurückzurichten auf das, was als Objekt gewählt wurde“, sagt Ott.

Bei dem dritten nachgewiesenen Wirkungsfaktor handelt es sich dem Wissenschaftler zufolge um eine verbesserte Körperwahrnehmung. „Oft erhalten wir Warnsignale aus dem Körper“, bemerkt er. Als Beispiele nennt er Hunger oder Müdigkeit. „Dann ignorieren wir sie, weil wir eine Aufgabe im Vordergrund haben, und es eben noch ein bisschen geht. Irgendwann reagiert der Körper aber mit einem Reiz, den man nicht mehr ignorieren kann“, so Ott. Mit Meditation ist es möglich, vorzubeugen und „früher auf den Körper zu hören“, sagt der Forscher. „In der Meditation kann man lernen, sich überhaupt zu fühlen. Man kann genau und detailliert spüren, was eigentlich im Körper los ist“, erklärt er.

Neben Entspannung, einer höheren Aufmerksamkeit und Körperwahrnehmung trägt das Meditieren gemäß Ott auch zu einer verbesserten Emotionsregulation bei. „Körperliche Empfindungen, Gefühle und Gedanken interagieren“, erläutert der Experte. „Durch die Meditation bekommt man eine Möglichkeit, im eigenen Geist die körperlichen Empfindungen, Gefühle und Gedanken zu beobachten“, führt er weiter aus. Dies könne auch vor einem Rückfall in eine Depression schützen, da Menschen lernen, Grübelschleifen früher zu erkennen. Allgemein kann Meditation laut Ott hilfreich sein, wenn Affekte ins Spiel kommen, was bei Angststörungen, Stress, Sucht, Aggressionen und Depressionen der Fall ist.

Risiken und Nebenwirkungen

Nichtsdestotrotz weist Ott auch auf mögliche Risiken von Meditation hin: „Schwierig ist es bei Menschen, die zum Beispiel psychisch instabil sind. Das kann Meditation dann noch verstärken.“ Auch für Personen mit Traumata erachtet der Wissenschaftler Meditation als riskant, da „das Wiederauftauchen von Erinnerungen und Gefühlen aus der Vergangenheit auch ein Teil der Meditation ist“. Kritisch sieht er auch den Umstand, dass sich immer mehr Menschen ohne Vorwissen zu sogenannten Retreats anmelden. Das sind mehrtägige Veranstaltungen, während denen die Teilnehmenden mehrere Stunden pro Tag meditieren. „Selbst wenn man vollständig psychisch gesund ist, kann man da an Grenzsituationen kommen, weil man sein Ego so stark wahrnimmt“, erklärt der Psychologe.

Was hatte ich falsch gemacht und wie sollten Interessierte am besten mit Meditation starten? Laut Ott sollte man mit Einstiegsübungen von einigen Minuten beginnen, in meinem Fall war es mindestens eine halbe Stunde. Für Anfängerinnen und Anfänger empfiehlt er die sogenannte MBSR-Methode (Mindfulness-Based Stress Reduction), die Ende der 70er Jahre in den USA entwickelt wurde. Im deutschsprachigen Raum ist das Programm unter dem Namen Achtsamkeitsbasierte Stressreduktion bekannt. Die positive Wirkung von MBSR konnte bereits in vielen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen werden.

Insgesamt scheint Meditation für alle geeignet, die Stress im Alltag reduzieren, Konzentration und Körperwahrnehmung steigern und Gefühle besser regulieren möchten. Leidet man aber unter massiven psychischen Problemen, so ist Meditieren unter Umständen nicht das Richtige.


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