Ulmer Nester – beliebter Unterschlupf

Der Kälteschutz für Obdachlose, den die Ulmer liebevoll „Ulmer Nest“ nennen, kommt bestens an. Die beiden Schlafkapseln sind derzeit jede Nacht belegt.

Bericht und Fotos: Christina Kirsch

Wie werden die Schlafkapseln wohl angenommen? Wie schützt man die Bewohner vor Vandalismus? Wie überprüft man die Belegung und die Sauberkeit? Diese Frage beschäftigte ein Team junger Konstrukteure letztes Jahr. Die Informatiker beteiligten sich an dem Kulturprojekt „Pop-up-Space“ auf der Wilhelmsburg und hatten die Aufgabe, einen Erfrierungsschutz für Obdachlose zu konstruieren. Herausgekommen sind zwei hölzerne Schlafkapseln, die in Ulm diesen Winter an zwei Standorten getestet werden.

„Und wir sind schon jetzt überrascht von den ersten Ergebnissen“, sagt Holger Hördt von der Abteilung Soziales der Stadt Ulm. Es sei im Vorfeld völlig unklar gewesen, ob die Schlafhäuschen eher angenommen werden, wenn sie etwas abseits in einem Park oder auf einem belebten Platz stehen. So probierte man beide Standorte. Ein Ulmer Nest wurde am Alten Friedhof platziert. Der Park ist mittlerweile Ulms grüne Lunge und es erinnern nur ein paar Gedenksteine aus dem 19. Jahrhundert an seine einstige Funktion.

Das andere Nest steht am Karlsplatz und ist von Wohnbebauung umgeben. „Uns hat gewundert, dass das Nest am belebten Karlsplatz sogar noch öfter belegt ist als das Nest am ruhigen Friedhof“, sagt Holger Hördt. Erstaunlich sei auch die Hilfsbereitschaft der Anwohner, die ein Auge auf das mobile Häuschen haben und gelegentlich sogar einen Kaffee oder Tee vorbeibringen, weiß die Soziologin Elena Dürr, die das Projekt für die Stadt wissenschaftlich begleitet und nach den Bewohnern schaut.

Am belebten Karlsplatz kommt Elena Dürr auch öfter mit den Menschen ins Gespräch. „Eine Herr bevorzugt den belebten Platz, weil er sich da nicht so einsam fühlt“, sagt die Soziologin. Die Nester im Park seien schon ziemlich früh wieder verlassen, so dass Elena Dürr dort bisher niemanden sprechen konnte. Sie vermutet, dass das Ulmer Nest von Menschen genutzt wird, die sonst keine Hilfeleistung der Stadt in Anspruch nehmen, beziehungsweise in Anspruch nehmen wollen. Oder Menschen, die vielleicht in Wohnheimen Hausverbot haben.

Was von außen ziemlich schlicht aussieht, ist sehr durchdacht konstruiert und über Mobilfunk mit der Caritas vernetzt. Um 18 Uhr können die Schlafmöglichkeiten geöffnet werden. Die Zeit war vorverlegt worden. Zuvor war das Nest am Karlsplatz ab 22 Uhr zugänglich, das am Alten Friedhof ab 20 Uhr. Ein grünes Licht zeigt an, ob das Nest belegt ist. Auch wer dort übernachtet, kann innen ein kleines Licht anknipsen.

Drinnen rauchen ist allerdings verboten. Der Rauchmelder würde Alarm schlagen. Die Nester sind feuerfest, sehr schwer und regendicht. Ursprünglich hatten sie ein flacheres Dach und erinnerten zu sehr an einen Sarg. Die jetzigen Nester sehen eher aus wie Häuschen, und an den Dachflächen kann Regenwasser oder Schnee ablaufen. Der Versuch kostet einschließlich Reinigung und Forschung rund 35 000 Euro.

Gedacht waren die Nester für Menschen mit Hunden, aber bisher habe man erst einmal Hundespuren im Nest entdeckt, erzählt Elena Dürr. Man geht auch davon aus, dass es hauptsächlich Männer sind, die dort übernachten.

Einige Männer hätten noch Bedenken, weiß Elena Dürr. „Sie haben Angst, da nicht mehr rauszukommen.“ Aber die Nester haben jeweils an der Giebelseite leicht zu öffnende Notausgänge. Über die große Klappe werden sie regulär geöffnet. Überarbeitet wurde auch die Idee, dass die Nester nur bei einer Temperatur unter dem Gefrierpunkt zu öffnen sind. „Das können die Obdachlosen nicht nachvollziehen“, stellte Holger Hördt fest. Erfreut sind alle Beteiligten, dass bis jetzt keinerlei Vandalismus feststellbar ist. Noch bis März stehen die Ulmer Nester an ihren Standorten.