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Wohnungsbau auf dem Mars

Der Astronaut Reinhold Ewald über die Reise ins All

Zu den Sternen blicken wir sehnsüchtig auf – und zum Mond flogen wir auch schon. Nun belebt der technische Fortschritt unser Streben, alle Grenzen zu überwinden: Das All soll uns gehören. Uns? Zumindest einige Milliardäre wie Jeff Bezos und Richard Branson wollen höher hinaus denn je; Elon Musk will sogar selbst auf den Mars. Doch der erdähnliche Planet ist kein Paradies. Das verhindern Sonnenwinde, Strahlung und eine Schwerkraft, an die unsere Körper nicht angepasst sind. Ob Städtebau auf dem Mars die hiesige Wohnungsnot lösen kann, fragt Trott-war Reinhold Ewald, der heute als Professor an der Universität Stuttgart Raumfahrtsysteme erforscht und 1997 selbst als Astronaut die Mir besuchte.

Von Daniel Knaus

Was Sie auf dem Flug zur Mir fühlten, wurden Sie bestimmt oft gefragt. Welche Klischees über Astronauten erleben Sie?

Ich bin einmal gefragt worden, ob ich mich als Eroberer oder als Erforscher des Weltraums gefühlt habe. Angesichts des riesigen technischen Aufwands, mich und meine Freunde da oben im Weltraum am Leben zu erhalten, war ich ganz bescheiden – vom Erobern kann da keine Rede sein!

Wie ist es, die Erde zu verlassen?

Wenn man die vertraute Umgebung mal verlässt, begegnen einem andere Bedingungen. Verlässt man die Erde, sind verschiedene gewohnte Umgebungsfaktoren nicht mehr vorhanden und müssen technisch geschaffen werden, um überleben zu können: Atmosphäre, Temperatur und Strahlenschutz. Was auf der Erde selbstverständlich ist, muss im Weltall sehr mühsam und aufwendig bewerkstelligt werden.

Was haben Sie im All über die Menschheit gelernt?

Wenn der Schutz der Erde kein Argument ist, Differenzen zu überwinden und zusammenzuarbeiten, dann hilft nicht mehr viel! Wir sechs an Bord der Mir haben über alle Kultur-, Politik- und Sprachunterschiede hinweg miteinander Erfolge erzielt und auf diesem Weg gesehen, was Zusammenarbeit bewirken kann, um Ziele zu erreichen. Ein heutiges Ziel ist der Schutz unserer Erde.

Heimatplanet Erde ist nicht ersetzbar

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse bringt uns die Raumfahrt?

Erst einmal hat sie uns einen globalen Blick auf die Erde beschert, dadurch natürlich auch Verbesserungen für die Wettervorhersage, die Katastrophenvorsorge und -hilfe. Dann können wir im Weltraum sogar am eigenen Körper erleben und erforschen, wie flexibel und anpassungsfähig sich unser Organismus auf neue Bedingungen umstellt: Wir kommen dort oben ja ohne Eiserne Lunge, Dialyse oder künstliche Nahrung über die Runden. Außerdem funktioniert im All die Forschung an Flüssigkeiten und Metallen viel präziser, nämlich ohne die störende Schwerkraft. Und schließlich erforschen wir im Weltraum den Mond und in Zukunft auch den Mars, um die Frage zu klären, wie die Planeten und letztlich auch das Leben auf der Erde entstanden sind – als Zufall oder doch eher als ein Fall, der einer Regel entspricht.

Wie hat sich die Raumfahrt seit Ihrem Flug verändert?

Es sind viel mehr Möglichkeiten hinzugekommen, ins All zu fliegen, durch das private Unternehmen SpaceX und andere Entwicklungen. Auch wird an Bord der ISS heute viel zielgerichteter geforscht als früher; von den nun möglichen Datenströmen hin und her konnten wir auf der Mir nur träumen.

Auch private Akteure stecken große Mittel und Hoffnungen in Vorarbeiten zu Marskolonien. Wie realistisch ist die Vorstellung einer glücklichen multiplanetaren Zivilisation?

Völlig unrealistisch, denn es wird auf dem Mars immer so zugehen wie heute beispielsweise auf den antarktischen Forschungsstationen. Dort leben nur wenige Leute isoliert – bis die Ablösung kommt. Wenn Menschen auf den Mars fliegen, werden sie froh sein, nach Ablauf der Expedition wieder „nach Hause“ zu kommen. Was unseren blauen Planeten für uns so heimatlich macht, dass er nicht einfach durch einen anderen ersetzt werden kann, hat der für seine Wissenschafts- kommunikation berühmte ISS-Astronaut Alexander Gerst immer wieder schön ausgedrückt, so zum Beispiel in seiner „Nachricht an meine Enkelkinder“, die sich auch auf YouTube findet.

Weltraum bleibt Sehnsuchtsort

Auf den Mars wurden immer auch Träume projiziert. Der russische Kommunist Alexander Bogdanow situierte auf dem Planeten seinen utopischen Roman „Der rote Stern“ (1907). Heute sieht Elon Musk dort eine Stadt nach seinen Vorstellungen. Was ist mit seinen Plänen, auf dem Mars zu leben?

Elon Musk und sein Zeitplan sind pure Science-Fiction. Aber ähnlich dachte man auch über die Mondlandung Anfang der 60er
Jahre. Und 1969 glückte diese dann erstmals mit menschlicher Besatzung. Wer nicht forscht, kann auch keine Durchbrüche in der Technik erwarten. Allerdings sind wir zum Mond in ein paar Tagen geflogen, zum Mars dauern Missionen mehr als zwei Jahre. Da darf mit Mensch und Ausrüstung nichts passieren.

Was ist für die Zukunft der Raumfahrt wichtig?

Bessere, also „grüne“ Antriebe und Raketen sind für die Zukunft wichtig – und eine Regulation des Zugangs zum Weltraum, um immer mehr dort zurückgelassene Trümmer zu vermeiden. Die erfolgreiche Zusammenarbeit auf der ISS über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg ist eine gute Blaupause für zukünftige internationale Missionen.

Sie waren nur durch dünne Wände vom Weltraum getrennt. Wie denkt ein Astronaut über Wohnungslosigkeit?

Wenn wir die Erde, unsere Wohnung, weiter ruinieren, werden wir alle wohnungslos!