Foto: Edgar Nuss

Dieser Artikel erschien erstmals in der Jubiläumsausgabe im April 2019.

Nicht im Schatten, nicht am Rand

„Nicht im Schatten, nicht am Rand.“ So dürfte der Sinnspruch des von Trott-war eingerichteten und unterhaltenen Gräberfelds auf dem Hauptfriedhof Stuttgart lauten. Die ehemalige Sozialarbeiterin Beatrice Gerst und Trott-war-Geschäftsführer Helmut Schmid haben einst im Jahr 2008 mit dem Friedhofsamt verhandelt, wo die Gräber liegen sollen und darauf bestanden, dass die Menschen, die hier ihre letzte Ruhe finden, weder im Schatten noch am Rande liegen, denn dort haben sie bereits ihr Leben verbringen müssen.

Von Frank Schön

Der Hauptfriedhof nahe den Stadtteilen Steinhaldenfeld und Neugereut ist ein schöner Ort, sofern ein Friedhof schön sein kann. Es handelt sich nach dem Waldfriedhof um das zweitgrößte Gelände der Stadt für diese Zwecke. In der parkähnlichen Anlage finden auch Menschen ihre letzte Ruhe, die sonst anonym bestattet worden wären. Über das Projekt „Grabpflege“ von Trott-war erhalten sie einen würdigen Platz zur Erinnerung.

Rührendes und Anrührendes

Wenn Helmut Schmid über die kleine Anlage spricht, kann es Zuhörenden abwechselnd heiß und kalt werden. Sechs Personen, alle mit Trott-war eng verbunden, liegen inzwischen auf dem Gräberfeld, das für 60 Grabstätten ausreichen wird. Es sind fünf Männer und eine Frau, Gisela Mielke, die einst Schauspielerin im Stuttgarter Staatstheater war und ohne die das heutige Trott-war-Theater wohl nie entstanden wäre: Auch so schließt sich ein Kreis zwischen Leben und letzter Ruhe.

Auch der ehemalige Verkäufersprecher Marian Trytko liegt hier begraben, er war seit Beginn des Straßenzeitungsprojekts Verkäufer und Mitglied des Vereins.

Anrührend ist die Hilfe, welche das ungewöhnliche Projekt erfährt. Es handelt sich bei der Grabanlage um ein Feld für Urnengräber. Dies ist platzsparend und kostengünstiger als Erdbestattungen mit Särgen. Die Friedhofsleitung hat Trott-war eingeräumt, dass die Gräber erst nach eingetretenem Todesfall bezahlt werden müssen. Ein großzügiges Entgegenkommen.

Spendenbereitschaft und ehrenamtliches Engagement verleihen zusätzliche Würde

Den ersten Grabstein setzte 2008 der Steinmetz Jochen Herzog aus Kirchheim unter Teck, der es sich nicht nehmen ließ, die Inschrift für Norbert Lück selbst in Stein zu meißeln. Lück war der erste „Bewohner“ der Anlage.

Der Steinmetz bestand darauf, den Grabstein ebenso zu finanzieren wie alle weiteren, denn er fühlt sich Trott-war ebenso verbunden wie all denen, die hier ihre Ruhe gefunden haben und auch in Zukunft noch finden werden. Die Gräber werden von den Friedhofsgärtnern bepflanzt, obwohl Trott-war nur eine einfache Grabpflege finanzieren kann. Die Gärtnereibetriebe rund um den Hauptfriedhof unterstützen das Projekt unaufdringlich und schaffen so einen besonders würdevollen Ort.

Wer den Hauptfriedhof besucht, ist gerne eingeladen, einen Blick auf das Gräberfeld der Grabpflege zu werfen, die Ruhe des Ortes zu genießen und vielleicht auch an das Schicksal derer zu denken, die hier, nicht mehr im Schatten und nicht mehr am Rand, ihren Frieden gefunden haben.

Die Straßenzeitung pflegt eine ausgeprägte Trauer-Kultur. Wenn jemand stirbt, wird im Verkäuferraum ein gerahmtes Bild des oder der Verstorbenen mit einer Kerze aufgestellt, Trott-war informiert alle Mitarbeitenden über den Bestattungstermin. Ein Totenbuch liegt aus. Bei der jährlichen Mitgliederversammlung gedenkt der Verein in einer Trauerminute der Toten. Bilder aller Verstorbenen stehen in einer Vitrine im Verkäuferzimmer. Die Menschen sollen nicht vergessen sein.

Bild von Frank Schön, während er sich bei einem Interview Notizen macht

Dieser Artikel erscheint im Gedenken an unseren am 19. März 2021 verstorbenen Mitarbeiter Frank Schön.