Das besetzte Haus Gartenstraße 7 in Tübingen mit Bannern mit Forderungen und Parolen, die aus dem Fenster hängen

Unverkennbar ist diese Hausbesetzung auch mit politischen Forderungen verbunden

Bericht und Fotos: Annette Hohnerlein

Nein, sie benehmen sich ganz und gar nicht wie ein Elefant im Porzellanladen. Obwohl sie in einem solchen leben. Die Besetzer und Besetzerinnen des Hauses Gartenstraße 7 in Tübingen legen großen Wert darauf, nichts kaputtzumachen, betont einer von ihnen, Alfons, der eigentlich anders heißt. Das Geschirr, das noch in den Regalen stand, als wäre der Laden nicht vor 20 Jahren, sondern erst gestern geschlossen worden, haben sie sorgfältig in Kartons gepackt und in einem abgeschlossenen Raum verstaut – sicher ist sicher.

Am Morgen des 19. Juli haben die jungen Leute das seit vielen Jahren leer stehende Haus besetzt und ihm den Namen Gartensia gegeben. Das große Gebäude mit der langen Fassade zum romantischen Neckarufer hin liegt mitten in Tübingen. Die Altstadt ist nur ein paar Gehminuten entfernt; ein idealer Standort für Wohnungen. Oder für ein Café. Und genau diese beiden Nutzungen schweben den jungen Aktivisten vor. In dem langgezogenen Raum im Erdgeschoss stehen bunt zusammengewürfelte Tische und Stühle. Im Schaufenster sitzt eine junge Frau mit einem Laptop auf den Knien, ihr gegenüber ein Mann mit einem Buch, eine Gruppe sitzt an einem Tisch und debattiert. Das Café ist von 12 bis 19 Uhr geöffnet. Jeder ist willkommen, kann auf einen Tee oder Kaffee vorbeikommen und bekommt ein Stück Kuchen – vorausgesetzt, jemand hat einen mitgebracht. Wer kann und will, bezahlt etwas dafür. Im Regal, an dem noch der Name eines Porzellanherstellers zu lesen ist, steht eine alte Registrierkasse mit einem Karton für Spenden. Durch die offenstehende Tür ruft ein Radfahrer von der Straße aus herein: „Gibt es bei euch Wasser und was zum Essen?“ „Ja, komm rein“, antwortet Alfons freundlich.

Weitere ehemalige Verkaufsräume werden für Konzerte, Vorträge, Pressetermine und Filmabende genützt. Im zweiten Stock haben die Neubewohner die ehemaligen Wohnräume hergerichtet, die auch schon seit über zehn Jahren leer stehen. Es gibt einen Lernraum, damit niemand wegen der Besetzung sein Studium oder seine Ausbildung vernachlässigen muss. In der Küche stehen kistenweise Lebensmittel – alles Spenden von Nachbarn, Freunden und Sympathisanten. Zweimal am Tag trifft sich das Plenum. Da zum Konzept der Besetzung gehört, dass das Haus allen Interessierten offen steht, sind beim abendlichen Plenum auch Externe willkommen. „Jeder kann mithelfen“, bekräftigt Alfons.

Die jungen Besetzer und Besetzerinnen haben ihre Aktion generalstabsmäßig geplant und sind bestens organisiert. Mehrere Arbeitsgruppen kümmern sich um Haus und Garten, das Verhältnis zu den Nachbarn, den Kontakt zur Presse, das Projekt Hauskauf und um den Fortgang der Verhandlungen. Es gibt einen Verhaltenskodex, der unter anderem besagt, dass von den Aktivisten keine Eskalation ausgehen wird, und dass sie mit dem Haus und allem, was darin ist, sorgsam umgehen.

Das ist auch der Grund, warum die Besitzerin bisher keine Strafanzeige gestellt hat, wie der Tübinger Makler Oliver Frank wissen lässt, der zwischen ihr und den Neubewohnern vermittelt. Im Moment ist er dabei, die haftungs- und versicherungstechnischen Fragen der Besetzung zu klären. Dies sei nötig, damit die Eigentümerin, eine 98-jährige Frau, die nicht in Tübingen lebt, nicht auf den Kosten sitzen bleibt. Dazu gehörten die Gebühren für Strom und Wasser, aber auch mögliche Schäden durch einen Wasserrohrbruch oder einen Stromschlag.

Der Ordnungsamtsleiter der Stadt Tübingen, Rainer Kaltenmark, der noch am Tag der Besetzung vor Ort war, teilt mit, dass man erst mal versuche, diese Ängste zu nehmen. Zu einer ausführlichen Stellungnahme ist er nicht bereit, betont aber die sachliche Atmosphäre, in der das erste Gespräch mit den Besetzern und Besetzerinnen stattfand.

Was die Art und Weise betrifft, wie Alfons und seine Mitstreiter ins Gebäude gelangt sind, steht Aussage gegen Aussage. Der Vertreter der Aktivisten spricht von einer offenen Tür, Oliver Frank bestreitet das, alle Zugangstüren seien verschlossen gewesen.

Im Übrigen habe die Immobilie gar nicht leer gestanden, so der Makler. Die Wohnung im zweiten Obergeschoss sei als vermietet gemeldet, in der Dachgeschosswohnung hätte die Eigentümerin ab und zu nach dem Rechten geschaut. Dass das Haus bisher nicht zum Verkauf angeboten worden sei, hänge damit zusammen, dass die Erbfolge innerhalb der Besitzerfamilie noch unklar sei. „Wenn das geklärt ist, dann ist das Haus morgen verkauft“, ist sich Frank sicher. Und er fügt hinzu: „Es ist 100-prozentig klar: Dann wird es abgerissen. Und dann entsteht auch kein sozialer Wohnraum.“

Das ist jedoch genau das, was die Besetzer und Besetzerinnen in der Gartensia vermeiden wollen. „Die Gärtner und Gärtnerinnen, wie sie sich selbst nennen, setzen sich für eine langfristige soziale Nutzung der Räumlichkeiten ein und haben nicht vor, das Haus ergebnislos wieder zu verlassen“, heißt es auf ihrer Homepage. Das Ziel ist es, so Alfons, dass die Immobilie an eine soziale Initiative verkauft wird. Dies könnte mithilfe des Mietshäusersyndikats geschehen, das selbstorganisierte Wohnprojekte unter Umgehung der Banken durch günstige Direktkredite finanziert.

Dabei geht es den jungen Leuten nicht um die Verbesserung ihrer eigenen Wohnsituation, die meisten von ihnen haben ein Dach über dem Kopf. Ihr Anliegen ist politisch. Sie richten eine ganze Reihe von Forderungen an die Stadt Tübingen und an den Gesetzgeber. Und einen Appell an die Immobilienbesitzer: „Lassen Sie Ihr Gebäude / Ihre Wohnung / Ihren Baugrund nicht leer stehen. Viele Menschen suchen dringend nach Wohnraum. Verkaufen Sie, vermieten Sie, verschenken Sie.“

Für ihre Aktion haben die Besetzer und Besetzerinnen – es sind in wechselnden Konstellationen zwischen 10 und 30 Personen – viel Zuspruch von den Tübingern erhalten, erzählt Alfons. Vielen Leuten sei das heruntergekommene Gebäude seit Jahren ein Dorn im Auge. „Die Stimmung in der Stadt ist auf Seiten der Besetzer“, hat auch Oliver Frank festgestellt. Auf die Verwaltung ist er nicht gut zu sprechen: „Im Endeffekt wird es von der Stadt legitimiert“, klagt er. Er will nicht ausschließen, dass doch noch Strafanzeige gestellt wird, wenn haftungs- und versicherungstechnische Gründe das erfordern.

Aber noch ist es nicht so weit. Beide Seiten sind im Gespräch und haben den Willen, eine einvernehmliche Lösung zu finden. „Wir versuchen, den Ball möglichst flach zu halten“, sagt Oliver Frank.