Das Team der mobilen Jugendarbeit Simon Fregin, Anna Krass, Lea Woog, Peter Marus (Foto: Evangelische Gesellschaft Stuttgart e. V.)

Ein Blick auf die Jugendarbeit im Stuttgarter Europaviertel

Die Mobile Jugendarbeit Stuttgart bietet sozial benachteiligten oder von sozialer Benachteiligung bedrohten Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 27 Jahren eine vertrauliche Anlaufstelle. Sie arbeitet in 20 einzelnen Stadtteil-Teams, die durch ihre Nähe zum Sozialraum der Jugendlichen schnell und unkompliziert Hilfe anbieten können. In diesem Interview erzählt Simon Fregin, der Leiter des Stadtteilbüros im Europaviertel, von der Arbeit seiner Einrichtung und seinen Eindrücken aus den letzten Monaten.

Von Nik Schumacher

Mit welchen Anliegen wenden sich die Jugendlichen an die Mobile Jugendarbeit?

Das sind momentan alle Themen, die junge Menschen beschäftigen: Von Alltagsfragen, wie beispielsweise Beziehungsthemen, zur Zukunftsplanung („Was für eine Ausbildung ist gut für mich?“), bis hin zu konkretem Unterstützungsbedarf bei Schulden, Anliegen mit dem Jobcenter oder problematischer Wohnsituation.

Was sind die ersten Schritte, die Sie vornehmen, wenn ein junger Mensch sich Ihnen anvertraut?

Wir versuchen immer zuerst zu signalisieren, dass man uns vertrauen kann und uns alle Fragen stellen darf. Wir verurteilen nicht, sondern hören zu und suchen gemeinsam nach Lösungen. Unser Ziel ist es immer eine gute und vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Wir sind oftmals die einzigen Erwachsenen, mit denen man offen und ehrlich über alles reden kann, ohne ständig belehrt zu werden. Was wir konkret tun entscheiden die jungen Menschen selbst – manchmal hören wir einfach nur zu, manchmal unterstützen wir direkt. Unsere Unterstützung ist immer nur ein Angebot.

Soziale Arbeit wie die Ihre basiert in großen Teilen auf direktem menschlichen Kontakt und dem vertraulichen Gespräch. Wie gelingt es Ihnen, trotz der Corona-bedingten sozialen Distanz für Ihre Klientel da zu sein?

Wir bieten unterschiedliche Kontaktangebote: vom Telefonat oder Social-Media-Gesprächen bis zum persönlichen Treffen an der frischen Luft. Natürlich ist der Aufbau neuer Kontakte durch Corona aufgrund der Kontaktbeschränkungen erschwert – wir sind aber trotzdem da, suchen den Kontakt auf der Straße und bieten uns als Gesprächspartnerinnen und -partner an.

Haben Sie konkrete Angebote für Schülerinnen und Schüler, die unter den Bedingungen im Home-Schooling und der häuslichen Isolation leiden?

Ja. Wir organisieren Nachhilfe mit Ehrenamtlichen, dazu verteilen wir dann FFP2-Masken und stellen Räume für Einzelgespräche zur Verfügung. Wir unterstützen auch selbst bei der Prüfungsvorbereitung, haben einen Drucker, organisieren Laptops und Smartphones und stellen WLAN zur Verfügung. Wir versuchen so gerade junge Menschen zu unterstützen, die aufgrund ihrer Wohnsituation oder finanzieller Schwierigkeiten von Benachteiligung betroffen sind.

Welche Beobachtungen konnten Sie bezüglich der Kinder und Jugendlichen im vergangenen Jahr machen?

Die Lebensphase „Jugend“ ist gerade durch persönliche Treffen gekennzeichnet: Neue Leute kennenlernen, sich ausprobieren, erste Beziehungen eingehen, der erste Kuss, die erste Rauscherfahrung, das Erleben von Freiheit und das Ausreizen von Grenzen. Das gehört einfach zum Jungsein dazu. All diese Erfahrungen sind gerade nur sehr schwer möglich, das macht den Lockdown für junge Menschen wesentlich härter als für uns Erwachsene. Wenn dann noch soziale Probleme unserer Gesellschaft, wie beengter Wohnraum und Armut et cetera hinzukommen, dann kann es schnell problematisch werden. Viele junge Menschen fühlen sich alleine gelassen und haben das Gefühl, dass über sie bestimmt wird, ohne sie zu fragen, was sie eigentlich brauchen.

Inwiefern wirken Sie an der gesellschaftlichen Integration geflüchteter Jugendlicher mit?

Wir sind für alle jungen Menschen da, die Unterstützung benötigen. Mit unseren Angeboten und Aktionen wollen wir Begegnungen zwischen allen Menschen ermöglichen: Das kann ein Theaterprojekt sein, das kann unser Podcastprojekt www.vox711.de sein, in dem wir jungen Menschen eine Stimme geben, das kann aber auch einfach ein Basketballkorb sein, an dem man sich zum Spielen trifft. Für uns heißt Integration, dass man aufeinander zugeht, miteinander ins Gespräch kommt und sich kennenlernt. Gerade für junge Geflüchtete mit einem unsicheren Aufenthaltsstatus ist konkrete Unterstützung bei der Entwicklung von Zukunftsperspektiven entscheidend: Wir wollen sie darin begleiten, sich selbst eine Zukunft in Deutschland aufzubauen.

Alle 20 Stadtteil-Teams der Mobilen Jugendarbeit orientieren sich an einem Qualitätsmanagement-Handbuch. Wo setzt dieses Handbuch an?

Wir haben Prozesse beschrieben, wie die Einarbeitung abläuft, wie der Austausch zwischen den Stadtteilen organisiert wird, wie wir voneinander und unseren Erfahrungen profitieren können. Unsere Angebote evaluieren wir regelmäßig: Mit Protokollvorlagen, aber auch konkreteren Arbeitsanweisungen und -Tools gewährleisten wir professionelles Arbeiten und eine kontinuierliche Weiterentwicklung.

Können Sie von einem Fall berichten, bei dem ein junger Mensch im Laufe der Zusammenarbeit mit Ihnen eine besondere Wandlung erlebt hat?

Die Begleitung junger Menschen kann bei uns durchaus mehrere Jahre andauern: Alle Erfolge, aber auch Niederlagen erleben wir gemeinsam. Im Alltag sehen wir oft kleine Schritte, die uns Mut machen und uns in unserem Tun bestätigen: Ein junger Mann, der mit einer Kiste voller ungeöffneter Briefe zu uns kam und damit total überfordert war, führt mittlerweile einen eigenen gut organisierten „Lebensordner“ für alle wichtigen Dokumente und kommuniziert komplett eigenständig mit den Behörden.

Ein anderer junger Mann hat sich früher ständig geprügelt und war aggressiv – am Anfang auch uns gegenüber – mittlerweile greift er schlichtend ein, wenn auf dem Platz die Stimmung kippt, und zeigt gerade den jüngeren, wie man Konflikte ohne Gewalt lösen kann. Mit etwas Glück wird er im September eine Ausbildung beginnen. Diese Erfahrungen bestätigen uns darin, dass in jedem Menschen unglaubliches Potenzial liegt und jede und jeder das Recht auf die Chance hat, ein glückliches und erfüllendes Leben zu führen. Als Gesellschaft müssen wir die Rahmenbedingungen möglichst positiv gestalten und hinhören, wenn etwas mal nicht rund läuft, anstatt gleich zu verurteilen.