Diese Besprechung erschien erstmals in der März-Ausgabe 2018.

Gerechtigkeit als Näherungswert

Trott-war hat Kurt Schrimm bereits für die Juli-Ausgabe 2015 interviewt. Damals stand der Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg kurz vor seiner Pensionierung und kündigte an, ein Buch zu schreiben. Seit Oktober 2017 liegt es in den Läden – und ein Exemplar wurde zum ständigen Begleiter des Rezensenten.

Mit seinen 400 Seiten, dem festen Einband und dem Schutzumschlag hat das Werk annähernd die Ausmaße eines Ziegelsteins. Wer jedoch denkt, der Oberstaatsanwalt im Ruhestand würde es nutzen, um den Leser genussvoll mit spitzfindigen Rechtfertigungen in juristischem Stil anzuöden, liegt völlig falsch. Auch komplizierte rechtliche Fragen kann Schrimm noch verständlich vermitteln, ohne ins Juristendeutsch zu verfallen. Einige Stellen lesen sich wie ein spannender Gerichtsreport, an anderen schildert er beeindruckende Begegnungen mit Tätern und Opfern grausamer Verbrechen. Zwar nutzt er hier und da die Gelegenheit zur Abrechnung mit seinen Kritikern und denen der Zentralen Stelle, die er 15 Jahre geleitet hat, doch macht das das Werk nur unterhaltsamer.

Besonders lesenswert ist es aber, weil Schrimm darin einen Einblick in seine enttäuschungsreiche Arbeit gewährt und dem Laien erklärt, weshalb die lückenhafte juristische Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen lückenhaft bleiben musste und vielleicht seinem Gerechtigkeitssinn widerspricht, aber dennoch notwendig war und ist. Dieser Erkenntnisgewinn tröstet auch über die seltenen Gedankensprünge in der Erzählung hinweg.

Kurt Schrimm: Schuld, die nicht vergeht. Den letzten NS-Verbrechern auf der Spur. Heyne Verlag München 2017, 400 Seiten, 22 , ISBN 978-3-453-20119-4