Foto: Bayerische Staatsforsten

Dieser Artikel erschien erstmals in der April-Ausgabe 2020.

Bedrohte Außenseiter

Die größeren bis großen Tiere, die eigentlich fester Bestandteil unserer Natur sein sollten, kehren langsam zurück oder werden aktiv angesiedelt oder ausgewildert.

Von Frank Schön

Luchse haben sich leise und heimlich wieder angesiedelt, wobei die fragile Population, besonders im Harz und im Pfälzerwald, immer wieder durch „importierte“ Exemplare aus Slowenien oder Rumänien ergänzt werden muss, da die Sterblichkeitsrate der Jungtiere sehr hoch ist und zudem viele Individuen dem Straßenverkehr oder der Wilderei zum Opfer fallen.

Der Braunbär löst regelmäßig eine wahre Hysterie aus, falls sich ein Exemplar zu uns verirrt. Es wird wohl kaum möglich sein, in Deutschland wieder stabile Bestände von Meister Petz aufzubauen, dennoch tauchen in den bayerischen Alpen immer wieder Vertreter der kolossalen Art auf. Erst im vergangenen Februar entdeckte man Spuren eines Exemplars – vermutlich demselben, das im Oktober in die Fotofalle gegangen war. Gefährlich für den Menschen sind Bären in der Regel nicht, man sollte sie schlicht in Ruhe lassen. Dass sie Schäden anrichten können, ist indes bekannt. Imker können ein Lied davon summen. Dem Neu- und Kurzzeit-Bayern Bruno wurde zum Verhängnis, dass er Schafe gerissen hatte.

Der Biber wurde erfolgreich wieder angesiedelt und ist, etwa in München an der Isar, zugleich Touristenmagnet und Ärgernis. Inzwischen hat er größere Teile der Republik zurückerobert. Der Bartgeier wurde erfolgreich in den Alpen wieder angesiedelt.

Bleibt noch einer: der Wolf.

Der Albtraum der Kinder

Kaum ein anderes Tier hat in unseren Breiten einen solch schlechten Ruf wie der Wolf. Als „Isegrim“ durchstreift er, stets Böses im Schilde führend, unsere Märchenwelt, man denke nur an Rotkäppchen oder an die wundervolle Kinderoper „Peter und der Wolf“.

Er ist nach seiner Ausrottung im 19. Jahrhundert seit den späten 90er Jahren zurückgekehrt aus den Weiten des Ostens, in denen er überleben konnte. Seitdem vermehrt er sich zunehmend, so dass man von einer überlebensfähigen Population sprechen kann. Der Wolf ist ein Teil unserer Heimat und das sollte selbstverständlich sein.

Ein neues Gesetz und seine Folgen

Im Dezember ist vom Bundestag eine Gesetzesänderung zum Umgang mit dem Wolf verabschiedet worden, der der Bundesrat im Februar zustimmte. Sie erleichtert den Abschuss von Wölfen, nachdem Nutztiere gerissen wurden – auch wenn nicht sicher ist, dass dabei der „Täter“ erwischt wird. Der WWF unterstützt die Reform, da sie zu einem besseren Miteinander beitrage, das Landesumweltministerium betont, es habe sich am grundsätzlichen Schutz der grauen Räuber nichts geändert. Auch Claudia Wild vom NABU erklärt, im Grunde sei alles beim Alten geblieben.

Dem ist indes nicht so, denn laut der ursprünglichen Fassung musste ein Wolf erheblichen wirtschaftlichen Schaden anrichten, nun aber nur noch einen ernsten Schaden: Sprachlich erscheint dies wie ein Synonym, juristisch allerdings ist es das nicht. In der Vergangenheit war es nur dann erlaubt, einen Wolf zu „entnehmen“, also zu töten, wenn man den „Täter“ einwandfrei identifizieren konnte. Mit der Gesetzesänderung ist dies anders: So lange ein Wolf Nutztiere reißt oder sich einer menschlichen Siedlung nähert, dürfen alle Wölfe erschossen werden, bis es keine Übergriffe mehr gibt – aus Sicht von Kritikern ein Freibrief zur Ausrottung.

Deutlich wird hier Thomas Giesinger vom BUND: „Größtes Manko an der Gesetzesänderung ist die jetzt eingeräumte Option, ohne klare Zuordnung zum Einzeltier nach und nach ein ganzes Rudel zu schießen, wenn die Schäden nicht aufhören. Gesetzesänderungen wie die des Bundestags bergen die Gefahr, dass nun Waffen- und Jagdscheinbesitzer aller Art sich vorzeitig berechtigt fühlen, Wölfe abzuschießen.“

Leben und leben lassen

In der Bundesrepublik Deutschland gibt es derzeit etwas mehr als 100 Wolfsrudel. Das klingt nach einer großen Population, doch in Wahrheit handelt es sich um 250 bis 300 adulte Exemplare. Der von ihnen angerichtete Schaden sollte auszugleichen sein, Übergriffe aus Menschen gab es noch nicht und wird es wohl auch nicht geben. Menschen werden statistisch betrachtet eher von Hunden oder Autofahrern ernsthaft verletzt oder gar getötet, und niemand verlangt deren Ausrottung.

In Baden-Württemberg lebt derzeit nur ein einziger sesshafter Wolf. Falls er oder sie ein Rudel gründen sollte, könnten Landwirte großzügiger und längerfristig entschädigt werden, um zum Beispiel Hirtenhunde anzuschaffen. Finanziell wäre dies kein Problem.

Bild von Frank Schön, während er sich bei einem Interview Notizen macht

Dieser Artikel erscheint im Gedenken an unseren am 19. März 2021 verstorbenen Mitarbeiter Frank Schön.