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Segen oder Alptraum? Ein Leben in der Tiefgarage

Eine Tiefgarage ist für den Winter sicher ein Ort der relativen Behaglichkeit: Hier ist es mehr oder weniger warm, und der Ort verspricht einen gewissen Schutz, etwa vor Regen und Schnee, Blitz und Donner und irgendwo im Unterbewusstsein sogar vor wilden Tieren.

Von Frank Schön

Es ist auch ein Ort des Schreckens und der Angst: Frauenparkplätze sind nicht aus Gründen der Prävention entstanden, sondern als Reaktion auf zahlreiche Übergriffe in Parkhäusern und Tiefgaragen. Auch Horrorclowns suchen sich etwa zu Halloween nicht ohne Grund die gruselige Atmosphäre der in der Regel vollkommen schmucklosen Funktionsgebilde aus, um Furcht zu verbreiten, und sei es nur aus einem falschen Verständnis von Humor.

Die Angst und zugleich der Zauber, die einer Tiefgarage innewohnen, dürfte dem Drang des Menschen geschuldet sein, sich in einer Höhle zu verbergen und hier Schutz zu suchen, was immer schon mit Risiken verbunden war, denn es gab vor vielen Jahrtausenden Höhlenbären und Höhlenhyänen in unseren Breiten. Auch Wolfsrudel lebten gerne in Höhlen, so dass es stets gefahrvoll war, eine Höhle zu betreten – eine Urangst, die uns bis heute verfolgt, wenn wir in eine Tiefgarage und ihr unwirkliches Licht treten.

Die Kunst und damit womöglich auch die Religion scheinen ihren Ursprung, zumindest den Ursprung ihrer Ausübung, ebenfalls hier gefunden zu haben. Höhlenmalereien zeugen von einer tiefen Spiritualität und erscheinen wie Vorläufer von Kathedralen. Daher verwundert es nicht, dass sich in Berlin eine Diskothek in einer Tiefgarage etabliert hat. Die drückende Enge und die archaischen Ängste sorgen zweifellos für eine besondere Atmosphäre zu den wummernden Klängen der Musik unserer Zeit.

Wohnen neben geparkten Autos

Der eingangs genannte Mann hält seinen Schlafplatz in der Tiefgarage sauber wie eine Katze, die ihre Jungen verbergen möchte. Er raucht zwar, doch nie findet sich eine Zigarettenkippe im Parkhaus. Es ist noch nicht einmal klar, ob er dem Alkohol verfallen ist, denn keine einzige Flasche ist in der Tiefgarage oder in ihrem Eingangsbereich zu sehen. Er nimmt in der Tiefgarage kein Geld und auch keine Lebensmittel von Passantinnen oder Passanten an. Auf Grüße reagiert er nicht, er lehnt den Kontakt mit dem Rest der Welt offensichtlich ab. Dennoch scheint er über finanzielle Mittel zu verfügen, denn er raucht Filterzigaretten, was sich manch ein arbeitender Mensch im Niedriglohnsektor in diesen Zeiten kaum mehr leisten kann.

Im Sommer kommen am Abend gerne junge Menschen in die Tiefgarage: Skater und Punks nutzen das offene Parkhaus, um auf ihre sehr eigene Art zu feiern. Der Mann hat daraufhin seine Unterkunft in die Mitte der Tiefgarage verlegt, offensichtlich, um seinen Wohnort zu verteidigen. Er hat es, zumindest im letzten Jahr, tatsächlich geschafft: Die Skater toben sich nun an einem anderen Ort etwa 20 Meter entfernt aus, und die Punks sind nicht mehr gesichtet worden.

Kartons schwarz vor Ruß

Der Boden ist hart und der Mann verfügt über keinen Schlafsack; vermutlich möchte er keinen haben. Er schläft auch nicht auf Zeitungen. Er schläft auf dem Boden und hat dabei einige Umzugskartons um sich herum, die er jeden Abend aufstellt und die er an jedem Morgen wieder aufräumt. Sie stehen dann in einer kaum sichtbaren Spalte direkt neben der Einfahrt zur Tiefgarage, wo er normalerweise sein Quartier aufschlägt, denn dorthin gelangt kein Wasser, das ansonsten bei Regen natürlich die Abfahrt herunterläuft.

Die Kartons sind beinahe schwarz vom Ruß der Abgase in der Tiefgarage und wirken auch brüchig. Ich dachte schon daran, dem Mann neue Kartons zu besorgen, habe den Gedanken aber schnell verworfen, da ich nicht in die Privatsphäre eines solchen Menschen eindringen möchte, der eigentlich unser aller Mitgefühl verdient.

Man stellt sich unwillkürlich vor, wie es wohl sein muss, selbst so zu leben. Wie es wohl sein muss, in der Nacht aufzuwachen in einem fragilen Konstrukt kaputter Kartons und mit Blick auf das fahle Neonlicht der Tiefgarage, das nie ausgeschaltet wird. Wie es wohl ist, im kalten Winter Schutz zu suchen an einem so kalten Ort. Wie es wohl ist, darauf angewiesen zu sein, dass die Mieter der Tiefgaragenplätze sich nicht beim Betreiber beschweren und als Alternative zur Tiefgarage nur die Straße zu haben oder eine Massenunterkunft der Obdachlosenhilfe, die zwar lobenswert arbeitet, aber über viel zu wenig Mittel verfügt, um offenbar tief verstörte und verängstigte Menschen angemessen zu betreuen. Wie es wohl ist, in einem Alptraum zu leben, in dem die Tiefgarage die einzige Sicherheit und offenbar sogar eine Heimat ist.

Und dann fragt man sich, ob eine Gesellschaft, die sogar einen großen Teil ihrer Tiefgaragen im Winter verschließt und selbst dieses erbärmliche Obdach verweigert, dafür aber Diskotheken an solchen Orten unterhält, nicht womöglich die falschen Prioritäten setzt und damit eigentlich versagt hat.

Bild von Frank Schön, während er sich bei einem Interview Notizen macht

Dieser Artikel erscheint im Gedenken an unseren am 19. März 2021 verstorbenen Mitarbeiter Frank Schön.