Erst aufschreiben, dann essen – oder auch nicht

Seit einigen Jahren wird das Intervallfasten propagiert. Vor allem der öffentliche Auftritt einiger Prominenter wie Eckart von Hirschhausen, der von sich sagt, mit dem Intervallfasten 10 Kilogramm abgenommen zu haben, ermutigt Männer und Frauen, es ebenfalls mit dem Intervallfasten zu versuchen. Für die meisten steht die Gewichtsreduktion im Vordergrund. Die Methode ist jedoch keine Diät, sondern eine Essensumstellung.

Von Christina Kirsch

Bei der gebräuchlichsten Form des Intervallfastens darf man acht Stunden innerhalb von 24 Stunden normal essen und trinken. In den 16 Stunden, die dazwischen liegen, gibt es nur Wasser, Tee oder schwarzen Kaffee. Wer nun meint, er könne in den acht Stunden ordentlich zulangen und schlemmen, und trotzdem abnehmen, ist jedoch auf dem Holzweg.

Auch beim Intervallfasten geht es letztlich darum, dass der Körper innerhalb von 24 Stunden weniger Kalorien zugeführt bekommt als früher. Wer in der Zeit, in der er essen darf, die gleiche Kalorienmenge zu sich nimmt wie sonst auch, wird keine Gewichtsreduktion erleben. Die Formel ist ganz einfach: Ohne Kalorienreduktion keine Gewichtsabnahme.

Doch was weiß man vom Intervallfasten und wie beurteilen ein Arzt und eine Diät- und Diabetesassistentin diese Form des Fastens? „Es gibt beim Menschen noch keine Langzeitstudien“, sagt Bernd Nasifoglu, Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie am Alb-Donau Klinikum in Ehingen. Aus Untersuchungen mit Mäusen weiß man, dass die intervallfastenden Tiere deutlich schlanker sind, bessere Blutwerte haben und Chemotherapien offensichtlich besser vertragen. Ob das aber für Menschen auch so zutrifft, ist noch offen.

 

Gesteigertes Bewusstsein für Ernährung

Als wichtigsten Nebeneffekt des Intervallfastens bewertet der Mediziner jedoch die Tatsache, dass die Fastenden ein neues Bewusstsein für die Nahrung entwickeln, die sie zu sich nehmen. Das bestätigt auch die Diät- und Diabetesassistentin Nicole Knoll. „Feste Zeitvorgaben führen zu einem bewussteren Essen“, sagt sie. Zu Nicole Knoll kommen die Menschen, wenn sie vom Arzt geschickt werden oder selbst den Wunsch haben, etwas zu ändern. Nach ihrer Erfahrung neigen adipöse Menschen dazu, zu viel unbewusst zu essen. Hier ein Stück Schokolade, da eine Handvoll Nüsse und zwischendurch gezuckerte Soft-Drinks. „Es ist ja alles immer verfügbar“, sagt sie. Außerdem funktioniert das Essen nicht nur als Nahrungsaufnahme, sondern auch als Belohnung. „Frauen belohnen sich eher mit Süßigkeiten, Männer mit herzhaften Sachen“, sagt Nicole Knoll. Abends auf dem Sofa vor dem Fernseher mümmelt er eine Tüte Chips und sie macht sich über die Kekse her. Zunehmen werden sie beide.

Nicole Knoll empfiehlt, ein Ernährungstagebuch zu schreiben. Das kann man auf Papier oder mit einer App erledigen. Der Trick dabei ist, „das Stück Schokolade aufzuschreiben bevor man es in den Mund schiebt“, sagt Nicole Knoll. Nach der Niederschrift bleibt noch Gelegenheit sich zu überlegen, ob man die Schokolade in dem Moment wirklich braucht und will. So gibt es Ernährungstagebücher, in denen die Schokoladen-Notiz auch wieder durchgestrichen ist. Ein kleiner Triumph für den Esser.

 

Diät- und Diabetesassistentin
 Nicole Knoll (Foto: Christina Kirsch)

Facharzt für Chirurgie am Alb-Donau Klinikum Bernd Nasifoglu (Foto: Christina Kirsch)

Übergewicht? Nein danke!

Bernd Nasifoglu hat viel mit übergewichtigen Patienten zu tun. „Jeder Patient mit Übergewicht bringt mehr Operations- und Narkoserisiken mit“, sagt der Chirurg. Je normalgewichtiger ein Patient ist, desto besser ließen sich Medikamente dosieren. Zudem ist Übergewicht ein Risikofaktor für viele Krankheiten wie Bluthochdruck, Gelenk- und Kniebeschwerden, Herzkrankheiten und Diabetes. Viele Menschen wissen um das gesundheitliche Risiko von zu viel Gewicht. Trotzdem nehmen die Deutschen immer mehr zu, stellte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in ihrem jüngsten Bericht fest.

Wie kann man also gegensteuern? Das Intervallfasten scheint eine geeignete Methode zu sein. Dafür spricht die Tatsache, dass sich die Menschen mehr mit dem Essen beschäftigen und ihr Bewusstsein dafür schärfen, was sie im Laufe von 24 Stunden zu sich nehmen. In jeder Fußgängerzone dringen verführerische Düfte aus Bäckereien und von Fast-Food-Imbissen. Das greift man ohne zu Überlegen zu und hat das süße Stückle im Laufen ruck-zuck- verputzt. „Leider hat sich die Situation für viele durch die Corona-Pandemie und die geschlossenen Restaurants noch verschlechtert“, stellt Bernd Nasifoglu fest. Obwohl die Leute im Lockdown mehr Zeit hatten, sich etwas Gesundes zu kochen, „hatte ich den Eindruck, dass mehr zu Fertigprodukten gegriffen wurde“, sagt der Mediziner.

 

Intervallfasten als Alltagsdiät ohne Verzicht

Für das Intervallfasten spricht auch, „dass wir die Hoffnung haben, dass sich mit dieser Reduktionskost kein Jojo-Effekt einstellt“, sagt Bernd Nasifoglu. Intervallfasten ist für manche gut in den Alltag zu integrieren und man hat die Hoffnung, dass das Intervallfasten seltener abgebrochen wird als Crash-Diäten. Beim Jo-Jo-Effekt fährt der Körper seine Leistung herunter und stellt sich auf das reduzierte Kalorienangebot ein. Der Grundumsatz sinkt. Wird nach der Diät wieder wie vorher gegessen, ist das für den Energiebedarf das Körpers nun zu viel. Man nimmt zu. Meist mehr als man zuvor hatte.

Nachhaltigen Erfolg wird derjenige haben, der bei der Ernährungsform des Intervallfastens bleibt und das bewusstere Essen in seinen Alltag integriert. Wenn das vernünftig umgesetzt wird, braucht man keine Angst haben, sich mit Intervallfasten zu schaden. Bernd Nasifoglu praktiziert das Intervallfasten berufsbedingt bereits sehr lange. „Da gab es den Begriff noch gar nicht“, sagt der Arzt. „Mir reichen zwei Mahlzeiten am Tag“, stellt er fest. Nach Verzicht hört sich das nicht an.