Zum Weltfrauentag: „Es ist unfassbar wichtig, die Augen aufzumachen!“

Um was geht es am Weltfrauentag? Letztlich um alles: Rechte und Geld, Leben und Tod – und auch um viele schreckliche und doch so alltägliche Probleme wie zum Beispiel sexualisierte Gewalt. Unser Redakteur Daniel begleitete deshalb Maya und Carina von „catcallsofstuttgart“ bei einer ihrer Aktionen: Das Ankreiden von Übergriffen auf der Straße.

Carina: Wir haben uns vier, fünf Sachen aufgeschrieben, die wir heute ankreiden wollen. Und wir haben einen frischen Kreide-Container!

Maya: Unser erstes heutiges Erlebnis war hier am Hauptbahnhof: „Er grinste und fasste mir an die Brust, ich habe geschrien, aber niemand hat etwas getan, ich war 14.“

Schweigen.

Maya: Oben hin schreiben wir unseren Instagram-Namen. Um auf der Straße viele Leute zu erreichen, ist Leserlichkeit wichtig. Es soll nicht jedes Wort in einer anderen Farbe sein. Wenn es um schwere Gewalt geht –  wie Vergewaltigung –, machen wir Trigger-Warnungen. Dann kommen die Hashtags, damit auch klar ist, was wir denken: #stopptsexuellebelästigung und #ourstreetsnow. Wenn Menschen diese Hashtags auf Instagram suchen, dann finden sie viele andere Catcall-Organisationen. Die gibt es ja auf der ganzen Welt.

 

Daniel: Der Übergriff, den Ihr nun dokumentiert, ist eine Straftat.

 

Carina: Ja, eine solche Berührung ist eine Straftat – Catcalling aber noch nicht. Wir kämpfen darum, dass sich das ändert.

Catcalling – „Katzen-Rufen“ bedeutet sexistische Belästigungen zumeist in der Öffentlichkeit. Es gilt in Deutschland nicht als Straftat und kann nur schwierig als Beleidigung geahndet werden, hat für Betroffene aber Folgen wie Stress oder Körperscham. Catcalling kann Angsterkrankungen auslösen und beeinträchtigt so auch die Mobilität Betroffener.

Maya: Wenn einem etwa hinterhergerufen wird: „Ey, geiler Arsch!“ – dann wird das oft als Kompliment verstanden. Dann wird nicht gewertet, dass der Spruch übergriffig war und ich mich dadurch total unwohl und bedroht gefühlt habe.

 

Daniel: Was sagt Ihr zu Männern, die meinen, sie dürfen solche vermeintlichen Komplimente machen?

 

Carina: Also erstmal ist uns wichtig, dass es uns nicht nur um Männer geht. Nicht nur Männer catcallen. Auch sind verschiedene Geschlechter von Übergriffen betroffen und machen uns Einsendungen. Wir sagen also nie einfach: Männer haben das und das getan.

Maya: Ich finde es total schwierig, da ein How-to „Wie mit Personen umzugehen ist“ aufzustellen, da die Situation ja von Mensch zu Mensch abweicht: Was nehme ich als übergriffig wahr? Was lässt mich eine Bedrohung fühlen? Manche Menschen nehmen so ein Nachrufen vielleicht wirklich als Kompliment. Viele fühlen sich aber bedroht, weil jemand in den persönlichen Raum eindringt. Deshalb braucht es Sensibilität.

Carina: Ein Annäherungsversuch sollte nur geschehen, wenn alle Parteien Grenzen setzen können. Das ist zum Beispiel nicht der Fall, wenn mir jemand hier auf der Königsstraße etwas nachruft. Wenn ich aber vorsichtig angesprochen werde, dann ist das etwas anderes: dann kann ich immer noch sagen, dass ich mich mit der Situation nicht wohl fühle. Dann kann ich eine Grenze setzen.

Maya: Vielleicht kann man eine Annäherung auch einleiten mit: „Darf ich Dich etwas fragen?“ Und wenn man dann merkt, die andere Person möchte das nicht, kann man sagen: „OK, Dir noch einen schönen Tag!“ Es darf dann nicht aufdringlich weitergemacht werden.

Carina: Es ist immer wichtig, Raum zu geben. Das ist aber nicht der Fall, wenn einem hinterhergerufen wird.

 

Daniel: Was bedeutet der 8. März für Euch?

 

Maya: Der 8. März wird ja immer als ein „Frauentag“ hingestellt, aber wir betrachten ihn als einen feministischen Tag. Und Feminismus verkörpert für uns die Gleichstellung von Geschlechtern, egal ob nun „Männer“, „Frauen“ oder andere Geschlechter diskriminiert werden.

Carina: Der 8. März ist ein Tag mehr, an dem wir uns auf die Straße stellen und kämpfen; wir haben an ihm aber auch mehr Publikum, etwa um eine Rede zu halten. Unsere Haltung haben wir jeden Tag, aber am 8. März solidarisieren wir uns nochmal mit anderen, um auf Missstände aufmerksam zu machen und auch Kraft zu tanken.

Maya: Die Menschen sind an diesem Tag für unsere Themen offener. Also versuchen wir, sie zu erreichen.

 

Daniel: Habt Ihr zum „feministischen Kampftag“ eine spezielle Botschaft an Cis-Männer?

 

Carina: Es ist unfassbar wichtig, die Augen aufzumachen und vor allem Betroffenen zuzuhören, allen Menschen zuzuhören, die Diskriminierung erleben – und diesen auch zur Seite zu stehen und sich mit ihnen zu solidarisieren, gemeinsam zu kämpfen!

Maya: Feminismus wird ja oft so dargestellt, als wäre er nur für Frauen und die Rechte von Frauen. Sexismus betrifft aber auch Cis-Männer. Das wird nur selten so wahrgenommen und oft ins Lächerliche gezogen. Natürlich setzen wir uns auch dafür ein, dass Cis-Männer frei von Zwängen leben können. Feminismus bringt allen Menschen etwas

Carina: Letztlich geht es im Feminismus um Menschenrechte. Die sollten für alle gelten.

 

Daniel: Ihr versteht Euch als eine Bewegung?

 

Carina: Auf jeden Fall. Wir sind nicht nur in Stuttgart, wir sind auf der ganzen Welt. Es gibt bei uns auch Menschen in Organisationen, die überregional organisiert sind.

 

Daniel: Und Ihr seid eine politische Bewegung?

 

Maya: Wir verstehen uns erstmal als eine gesellschaftliche Bewegung, weil politisch nichts in Gang kommt, solange kein gesellschaftliches Umdenken stattfindet. Deswegen versuchen wir, ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Übergriffe tagtäglich passieren und diese nicht normal sein sollten.

Dennis: Ich bin gerade zufällig hier und habe gesehen, wie etwas auf den Boden geschrieben wird. Dass man in den öffentlichen Raum trägt, was im öffentlichen Raum passiert, ist nur gut. Ich bin auf jeden Fall solidarisch und hoffe, wir sehen uns am 8. März!

 

Daniel: Was fordert Ihr von Gesellschaft und Politik?

 

Carina: Was bei uns ganz oben steht: Dass Betroffenen auch geglaubt wird. Victim blaming, dass die Schuld umgedreht oder heruntergespielt wird, sollte von der Gesellschaft als Problem ernst genommen werden.

Maya: Von der Politik fordern wir, dass sie etwas gegen sexualisierte Gewalt unternimmt. Catcalling ist noch nicht strafbar und sexualisierte Gewalt immer noch ein Tabuthema. Unsere Fragen: Wie können wir das bekämpfen? Was braucht es, dass sexualisierte Gewalt nicht als normal angesehen wird? Wie schaffen wir es, dass Menschen sich auf dem Nachhauseweg sicher fühlen?

Carina: Auch Mehrfachdiskriminierung muss in den Blick genommen werden.

 

Daniel: Was bedeutet es, sich als Feministin gegen Mehrfachdiskriminierung zu richten?

 

Carina: Wir sehen uns dem modernen Feminismus verbunden, dem queeren Feminismus. Mit Mehrfachdiskriminierung meinen wir, dass sexualisierte Gewalt häufig zusammenhängt mit Problemen wie Rassismus, Queer-Feindlichkeit und Armut – oder eben Wohnungslosigkeit.